Editorial: Äußerer Schein und Duft

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Als ich noch als Krankenschwester arbeitete, hatte ich kurz vor Weihnachten eine Patientin, die ein bisschen Bauchweh hatte. Sie war sehr dick, freundlich und von eher schlichtem Gemüt. Die Füße zierten mächtige Schuhe vom orthopädischen Schuhmacher. Über allem lag der schwere Geruch von Käsefüßen.  

Während ich allerlei Voruntersuchungen durchführte, unterhielten wir uns über Socken. Über die Vorzüge der Bumerangferse sowie überhaupt über Selbstgestricktes.

„Ich strick die Ferse ja immer doppelt. Bei meinem Verlobten hält nichts anderes! Jetzt sitzt er im Warteraum und strickt an einem Schal. Der soll auch was schaffen.“

„Ach. Sie haben einen Verlobten?“

„Ja. Im Warteraum. Da sitzt er mit seiner Strickliesel. Was anderes kann er nicht.“
Ich hatte wunderschöne, unbeabsichtigt allein lebende Freundinnen – ein Verlobter war weit und breit nicht zu finden. Während sie mit rundem Leib, fettigen Haaren und unglaublichen Käsefüßen einen Verlobten im Warteraum Schals stricken ließ.

Sie musste auf Blutwerte warten. Ich holte sie später im Wartezimmer ab. Der Verlobte saß neben ihr. Eifrig war er über eine Art Megastrickliesel gebeugt. Seine Zunge lugte vor Anstrengung und Konzentration aus dem Mund, während er einen quietschgelben Faden über die Hacken der Strickliesel zog. Seine Brille hatte die Dicke von Glasbausteinen.

„Das ist mein Verlobter“, wurden wir mit Stolz in der Stimme vorgestellt. Er hielt mir einen Meter fertigen Schal vor die Nase. „Manchmal huscht mir eine Masche davon. Aber dafür ist es ja auch selbst gemacht.“

Ich weiß was sich gehört: Ich nahm den Schal in meine Hände und bewunderte ihn. So eine hübsche, außergewöhnliche Farbe. Ach, die vielen Maschen, die da nicht mehr erwischt wurden – macht ja nichts. Da darf man nicht so kleinlich sein. Und weil sie so niedlich dort zusammen saßen, sich umeinander sorgten und zusammenhielten und ich es spürte, log ich auch nicht, als ich sagte: „Das ist der schönste Schal der Welt!“

Der äußere Schein und Duft kann oft täuschen. Der Schal war großartig. Doppelgestrickte Fersen sind super. Der äußere Schein und Duft kann täuschen. Das Herz zählt.

Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz