Zehn Gebote bieten Grundlage

Dunja Hayali
Dunja Hayali. Foto: Borée

Auf der Suche nach einer Heimat ohne Hass

Ein Raunen ging durch das Publikum: Drei bis vier Stunden sollte die Lesung dauern, kündigte Dunja Hayali gleich zu Beginn an. Dabei begann die Veranstaltung in der voll besetzten Rothenburger Reichsstadthalle doch erst kurz nach acht Uhr abends! Gut drei Stunden dauerte sie tatsächlich – doch sie war so kurzweilig, dass wohl niemand oft auf die Uhr schauen musste. „Bin ich anders?“, fragt Dunja Hayali vor einiger Zeit ihre alten Freundinnen, die sie seit ihrer Kinderzeit kannte. Diese überlegten lange: Dein Haus war anders – und es roch anders, meinten sie dann.

Die Eltern Dunja Hayalis stammten aus dem Irak. Zum Studium kam ihr Vater Mitte der 1950er Jahre nach Wien. Er lernte dort seine spätere Frau kennen, die sogar aus seiner Heimatstadt stammte – ohne dass sich die beiden zuvor getroffen hätten. Schließlich blieben sie in Datteln im Ruhrgebiet hängen. Und errichteten dort ein Haus, das die Grenzen gerader Wände sprengte. Eine Kuppel krönte es.
Während ihrer Kindheit, so erinnert sich Dunja Hayali, klopften durchaus mal Muslime oder auch Buddhisten auf der Suche nach einem Gotteshaus an. Dabei waren ihre Eltern Christen, die kleine Dunja lange Messdienerin.

Bildreiche Ausgrenzung

Als Journalistin suchte Hayali nach „Haymaten“ – so der Titel ihres aktuellen Buches. Dies besonders, als sie in den letzten Jahren zunehmend als „Muslima“ – oft in Verbindung mit sexuellen Beleidigungen – beschimpft wurde. Warum ist eine Religionszugehörigkeit überhaupt eine Beleidigung?, so denkt sie oft. Dann gab es wieder Menschen, die sie belehrten, dass es Heimaten nicht im Plural gibt. „Doch, sogar im Duden“, antwortet sie trocken. Wer andere belehrt, sollte sich da schon auskennen. Und die ungewöhnliche Schreibweise bezieht sich auf ein Wortspiel mit ihrem Namen.

Kurzweilig blieb die lange Lesung mit eingestreuten Episoden aus ­Hayalis Leben die ganze Zeit über. Und dennoch alles andere als beliebig. Denn Dunja Hayali dachte immer wieder über Identitäten nach. Und sie berichtete von den Anfeindungen, die unter die Haut gingen.

Kongenial begleitete sie die Gebärdendolmetscherin Bettina Lambert aus Neustadt an der Aisch. Gerade die Schimpfwörter übersetzten ihre Hände durchaus plastisch – was die Stimmung öfter entspannte. Während der langen Veranstaltung löste eine Dame aus dem Publikum Lambert ab, um ihr Ruhepausen zu gönnen. Die eigentliche Vertretung hatte kurzfristig nicht kommen können. Denn den Veranstaltern war der inklusive Charakter wichtig. Daher waren gehörlose Menschen besonders eingeladen.

Das Wort „Demokratie“ übrigens wird mit zwei erhobenen Händen in die Gebärdensprache übersetzt – zum Abstimmen. Denn Hayali ging es auch sehr intensiv um das Wesen der Volksherrschaft: „Dort bekommt nicht jeder das, was er will.“ Kompromisse sind notwendiger als in anderen Systemen  – und manches Mal mühsam und schleppend. Die Alternative dazu wäre, dass eine Gruppe auf Kosten aller anderen ihre Vorstellungen durchsetzt.

„Die Zehn Gebote, das Grundgesetz, Herzensbildung und eine gute Kinderstube“ gäben Menschen doch alles mit, was sie zu einem umgänglichen Zusammenleben bräuchten. Oder einfach nach unserem abendländischen Denker Kant und seiner Nachfolger: „Behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Zeigt sich der Verfall unserer Werte in immer größerer Ungeduld mancher Gruppen?

Übrigens entstammte der exotische Geruch in ihrem Elternhaus der orientalischen Küche – ihnen war die Gastfreundschaft wichtig.

                   Susanne Borée