Klagender Jeremia. Bild: AKG

Neue Zugänge zum Alten Testament als kulturelles „Tagebuch der Menschheit“? Teil 2

Stapelweise türmten sich in den vergangenen Wochen die Bücher und Broschüren auf meinem Schreibtisch. Nunmehr ist über das Reformationsjubiläum in der Schweiz geschrieben und das Gedenken zum 30-jährigen Jubiläum der „Wende“ hat Form angenommen. Darunter fanden sich meine Notizen über die „Neuen Zugänge zum Alten Testament“. Weitere Folgen darüber sind versprochen. Nun also, bevor der November fortschreitet, weitere Gedanken:

Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zum HERRN bekehrte, ganz nach dem Gesetz des Mose, und nach ihm kam seinesgleichen nicht auf.“ So berichtet das 2. Königsbuch (23,25) über den Herrscher Josia. Blutige Unruhen hievten den achtjährigen Kindkönig 639 vor Christus auf den Thron in Judäa. 30 Jahre später kam er gewaltsam um.

Kein David, kein Salomo, kein Hiskia war ihm gleich? Diesem Nachfolger Davids in der 16. Generation gelang es noch einmal, dem kleinen Judäa  in einem weltpolitisch günstigen Augenblick ein paar Jahrzehnte Atempause zu geben: Dann eroberten es 587 vor Christus die Babylonier und führten die Oberschicht in die Verbannung.

Sternstunde der Historie

Die Großmacht Assyrien, die 722 vor Christus das Nordreich Israel eroberte und bald schon Judäa tributpflichtig gemacht hatte, löste sich zur Zeit Josias auf. Die Babylonier erstarkten erst allmählich. Wenige Jahre gelang es Josia, Judäa wieder selbstständig zu verwalten. Er konnte es mit dem ehemaligen Israel, dem Nordreich, wieder vereinigen. Dann versuchte der ägyptische Pharao ebenso die assyrische Schwäche zu nutzen und tötete Josia.

Nun gut, aber reicht das für die eingangs zitierte Lobeshymne? Nein. Denn noch wichtiger waren die religiösen Reformen Josias. Im zwölften Jahr seiner Regierung (628 vor Christus) wurde im Tempel das 5. Buch Mose wiedergefunden. Nun ließ Josia im ganzen Land die Kulte anderer Götter, gerade von Baal und Astarte zerstören. Allein im Tempel zu Jerusalem sollte nur noch JHWH verehrt werden.

Nicht wieder entdeckt und nicht wieder vereinigt: Die glorreiche Vergangenheit der Vorfahren Joisas bestreiten die israelischen Archäologen Israel Finkelstein und Neil A. Silberman in ihrem bekanntesten Werk „Keine Posaunen vor Jericho“. Keine historischen oder archäologischen Spuren finden sich für sie zum Exodus des Volkes Israel aus Ägypten und zur Landnahme in Kanaan. Keine Spuren von der glorreichen Herrschaft Davids und dem prächtigen Tempelbau Salomos. Eine ausgegrabene Inschrift bezieht sich zwar auf einen Herrscher David. Doch dieser ist für sie – von mir etwas schnoddrig zusammengefasst – nur ein besserer Räuberhauptmann im Südreich.

Allerdings haben die Archäologen einst prachtvolle Herrschergebäude, vor allem aus der Zeit des bösen Ahab (873–852), entdeckt, der dort wieder den Baalskult einführte. Und genügend heidnische Idole, die für die religiöse Grundversorgung vor Ort mehr als ausreichen. Für einen Kult um einen unsichtbaren Gott scheint es keinen Bedarf mehr gegeben zu haben.

Also: Unter Josia gab es nicht nur  erstmals ein vereinigtes Reich, sondern auch die ersten Hinweise auf  einen Kult um einen unsichtbaren, einzigen Gott. Für die meisten Bezüge in die Vergangenheit Israels und JHWHs finden sich kaum Spuren.

Stimmt die Chronologie?

Wenn aber so viel aus der Vergangenheit vor Josia in Frage gestellt werde, so der Alttestamentler Michael Pietsch von der Augustana in Neuendettelsau, „warum sollten dann ausgerechnet die Königslisten stimmen“? Darauf beziehen sich die Archäologen in ihrer Datierung der von ihnen gefundenen prachtvollen Gebäudereste aus der Zeit Ahabs.

Nur sechs Jahrzehnte trennen den Tod Salomos 931 vor Christus von dem Herrschaftsantritt Josias. Auch dieser Artikel ist bislang in den Zeitangaben den traditionellen Königslisten des Alten Testamentes gefolgt. Aber schließlich befinden wir uns in einer Zeit und in einem Raum, in dem sich eine schriftliche Verwaltung erst sehr allmählich durchsetzte und in der chronologische Überlieferungen oftmals noch nicht aufs Jahr genau waren. Auch zu den Zeitangaben hier gibt es teils Varianten von einigen Jahren.

Offenbar stammen die Ausgrabungen Finkelsteins, die er Ahab zuordnet, wohl aus den Jahren vor etwa 850. Aber was, wenn da erst gerade Salomo geherrscht hätte? Außerdem lassen sich Ausgrabungen auf dem heutigen Areal zwischen Klagemauer und Felsendom – wo auch der Tradition zufolge der salomonische Tempel stand – nur schwer realisieren ohne entweder strenggläubigen Juden oder Moslems oder gar beiden weh zu tun.

Michael Pietsch sieht erste prophetische Überlieferungen, gerade die Propheten Amos und Hosea, schon im Nordreich des 8. Jahrhunderts verfasst zu sein – also nicht in Judäa zur Zeit Josias, sondern hundert bis 150 Jahre zuvor. Da gab es neben den Baals und Astartes offenbar schon einen Glauben an einen gerechten, unsichtbaren Gott. Das 5. Buch Mose könnte tatsächlich aus der Zeit Josias oder kurz danach stammen. In der Babylonischen Verbannung ab 587 vor Christus folgen dann Hesekiel und der Deutero-Jesaja ab dem 40. Kapitel.

Da suchten  Menschen nach einem Sinn der totalen Niederlage, die Gott nicht verhindert hatte. Der Prozess, in dem JHWH von einem großen Gott, zu dem einzigen verehrungswürdigen zu dem einzigen existierenden Gott wurde, war noch lange nicht abgeschlossen.
Finkelstein und Silberman leugnen die Weiterarbeit an den Büchern des Alten Testaments in der Exilszeit nicht. Doch in ihrem Werk folgt es quasi als Nachklapp auf gut 20 Seiten. Sollten denn die Hauptteile des Alten Testaments nur in solch begrenzten und dazu noch bewegten Jahren entstanden sein?

JHWH hatte damit nicht nur die Katastrophe der Eroberung und Verschleppung seines Volkes sowie damit auch sein eigenes äußeres Versagen überlebt, sondern dies stärkte ihn noch. Die Verschleppten erhielten durch ihn und die Glaubensschriften ihre Identität. Ihr Gott war nicht mehr an einen Tempel gebunden, wie König Josia wollte. Nein, er war mobil, jenseits der Grenzen einer menschengemachten Wohnstatt. Ein gerechter, aber besiegter Gott erschien nun als Hoffnung der Schwachen.Israel Finkelstein und Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, Neuauflage München 2019.

                   Susanne Borée