Mein Mauerfall

Susanne Borée
Susanne Borée

Jetzt gibt es Krieg! Mit dieser Überzeugung gingen wir schlafen, in dieser Nacht des 9. November 1989. Nie würden die Russen „ihre“ Besatzungszone aufgeben, ihre Kronjuwelen aus dem letzten Krieg. Die letzten Bilder dieses Abends zeigten mir eine russische Kaserne tief im Osten Berlins. Da blieb alles ruhig – noch. Wie würden wir durch die Nacht kommen?

Am nächsten Morgen blinzelte ich vorsichtig in eine Welt, in der immer noch keine Atombombe gefallen war. Plötzlich gab es eine Zukunft für uns, die überflüssige Generation. Politisches Bewusstsein erlangten wir zwischen Tschernobyl und Waldsterben, zwischen Massenarbeitslosigkeit und Strukturwandel. Die Werte der 68er? Die hatten doch alle inzwischen Jobs!

Wie fest die Mauer gebaut war, davon hatten wir uns kurz zuvor ausgiebig überzeugen können. Auf der Rückfahrt vom Berliner Kirchentag im Juni 1989 erlebte ich als Abiturientin die Bummelabfertigung missmutiger DDR-Grenzer. Da standen wir neben den Autos, die Reisepässe umklammert, und sangen ganz mutig Kirchentagslieder mit Unbekannten durch die Nacht.

Endlich drüben! Da stürmten wir die Telefonzellen. Zwei Groschen, ein Satz: „Wir sind durch!“ Nun war berechenbar, wann wir heimkamen.

Dann, in jenem düsteren November, hatten wir plötzlich eine Zukunft. Nein, nicht auf Kosten der „neuen Länder“. Als zutiefst ungerecht empfanden wir den Vorwurf – nur weil sich einzelne als Glücksritter erprobten. Wir haben mit der unsicheren Altersvorsorge und mit Soli bezahlt. Was zählte es! Alles war in Bewegung.

Das erste Mal nach dem glücklichen Ausgang der Wendenacht beschlich mich neues Unbehagen, als mir klar wurde: Die alle im Osten wollen unser Leben – echt jetzt? Die haben doch alle Jobs!

Die Arbeitslosigkeit ging „bei uns“ schon seit 1985/86 zurück, zeigt da die Statistik – auch wenn mit nahendem Schulabschluss das Bedrohungspotential stieg.

Nun, wenn selbst die Mauer noch schneller fiel als die Steine in Jericho, dann konnte sich auch noch mehr aus dem bleiernen Alltag ändern! Wie die Wirklichkeit mit einem umgeht, hängt mit der Haltung zusammen, mit der wir ihr begegnen. Das lernten wir damals.

Doch für die Mauer in den Köpfen gibt es noch kein „Wir sind durch“, wie die letzten Wahlen im Osten zeigen. Die Zukunft ist weniger berechenbar als früher, dafür bewegter.

                      Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst