Feldbetten und Suppenküche in der Kälte

Ankunft in Hof

Wie die Bahnhofsmission Hof den Anfang vom Ende der DDR im Herbst 1989 erlebte

Die Bilder gingen damals um die Welt: Die Ankunft der DDR-Flüchtlinge zwischen dem 1. und 5. Oktober 1989 in Hof schien damals ein Wunder zu sein. Vor 30 Jahren war ihnen nach ihrer Flucht in die Prager Botschaft ihre Ausreise in die Bundesrepublik ermöglicht worden. Kaum jemand konnte damals ahnen, dass fünf Wochen später die Menschen auf der Berliner Mauer tanzten.

Die Ankommenden „hatten nur kleines Urlaubsgepäck mit“, erinnert sich Anni Müller noch nach 30 Jahren im Gespräch mit dem Rothenburger Sonntagsblatt. Damals arbeitete sie in Hof bei der Bahnhofsmission. Schließlich durften die Flüchtlinge ja nicht auffallen, als sie Wochen zuvor in den Urlaub nach Prag aufgebrochen waren.

Am 1. Oktober um genau 6.14 Uhr morgens erreichte der erste Zug aus Prag die Stadt Hof. Engagierte des Technischen Hilfswerkes, des Roten Kreuzes oder der Bahnhofsmission hatten erst seit Mitternacht Vorbereitungen für ihre Ankunft treffen können. Fünf weitere Sonderzüge folgten. Insgesamt kamen mehr als 5.000 Menschen an. Und dann noch einmal gut 5.000 am 5. Oktober. Sie hatten nun schon wieder die Prager Botschaft gestürmt.

Der Hofer Hauptbahnhof wurde zum Sammellager. Das Rote Kreuz baute eine Suppenküche in der Bahnhofshalle auf. In der Freiheitshalle entstanden Massenquartiere mit Feldbetten und Matratzenlager.  Die Nächte waren bereits eisig kalt, so erinnert sich Anni Müller.

Zur Erinnerung: Lange Wochen hatten Tausende Menschen aus der DDR im Spätsommer 1989 in der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Prag ausgeharrt. Sie campierten oft draußen. Quälend lang zogen sich die Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten hin, während draußen der Herbst Einzug hielt. Endlich erlaubte damals noch Erich Honecker ihre Ausreise. Doch die Züge durften nicht direkt von Prag in die Bundesrepublik fahren. Nein, es sollte zunächst über Dresden ein letztes Mal über DDR-Territorium gehen. Das war wohl noch einmal als Machtdemonstration gedacht, hatte aber den gegenteiligen Effekt.

Viele Menschen in der südlichen DDR waren genau darüber informiert, welche Züge da unterwegs waren. In Dresden gelang es mindestens drei jungen Menschen, auf die Züge aufzuspringen.

Im sächsischen Plauen führte die Strecke ebenfalls mitten durch den Ort. Dort hängten sie Tücher an die Fenster. Sie waren beschrieben mit Sprüchen wie „Das Vogtland grüßt den Zug der Freiheit“.

Die Flüchtlinge verloren allerdings auch ihren Besitz in der DDR – so kurz vor dem Mauerfall. Und das ließ sich später nicht mehr rückgängig machen.

Alle halfen mit

Anni Müller erlebte in Hof eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Die Einwohner „kamen mit allem zum Bahnhof“, was sie entbehren konnten: Lebensmittel oder Kleidung – ganz egal. Die Flüchtlinge hatten ja oft nur Sommerkleidung dabei. Müller selbst kam damals erst gerade aus dem Urlaub zurück. Sie war damals ins Riesengebirge gefahren. Ursprünglich war sie 1937 dort zur Welt gekommen. Sie hatte bereits in der Nachkriegszeit nach vier Jahren im Flüchtlingslager dort eine neue Heimat gefunden.

Nun in den ersten Dörfern auf Seiten der Bundesrepublik waren die Oberfranken zu den Gleisen gelaufen. Sie hatten den Flüchtlingen Lebensmittel und Geld in die durchfahrenden Züge gesteckt.

Anni Müller erhielt unzählige Adressen von den Flüchtlingen. Sie und ihre Kolleginnen bei der Bahnhofsmission waren lange damit beschäftigt, die Angehörigen der Flüchtlinge zu kontaktieren. Schließlich gab es damals in der DDR kaum private Telefone. Und die Flüchtlinge konnten ihre Angehörigen zu Hause schlecht direkt mitteilen, dass sie nun in der Bundesrepublik angekommen waren.
Anni Müller erinnert sich ebenfalls an einen Diabetiker, mit dem sie die Apotheke gegenüber dem Hofer Bahnhof aufsuchte: „Er krampfte vor Aufregung.“ Doch auf welches Medikament und welche Dosis war er eingestellt? Da musste auch der Apotheker lange überlegen. Denn die Arzneimittel hatten damals in Ost und West unterschiedliche Namen, so erinnert sich Anni Müller.

Dann die Grenzöffnung

Und kaum war der Hofer Bahnhof geräumt, die Flüchtlinge Richtung Gießen in ein Auffanglager gebracht, um von dort zu ihren weiteren Bestimmungsorten zu gelangen – da stand am 9. November plötzlich die Grenze offen. Bei Hof war Günther Meyer an der B 173 auf bundesdeutscher Seite dabei, als der Schlagbaum hochging. Der damalige leitende Zollbeamte stand in der ersten Reihe, als die ersten Trabis über die Grenze rollten. Bald bildeten sich auf östlicher Seite endlos lange Staus – oft auf der ganzen Strecke zwischen Zwickau und Hof über gut 70 Kilometer. Und dies, obwohl der bundesdeutsche Zoll bald sechs provisorische Grenzübergänge geöffnet hatte, mit Bauwägen als Amtsstuben. So erinnert sich Günther Meyer.

Auf den Bahnstrecken sah es ähnlich aus, ergänzt Anni Müller. Von einer Bekannten, die in Plauen Fahrkarten verkaufte, weiß sie noch: Es wurden teils nur Sammelkarten ausgegeben: Da sollten sich dann zehn Menschen selbst zusammenfinden. Teils besuchten Zehntausende Ostdeutsche Hof gleichzeitig.
Nachdem die Besucher aus der DDR mit den üblichen 100 DM ihre Einkäufe in Hof erledigt hatten, waren die Züge für die Rückfahrt noch mehr überfüllt. Unzählige kamen nicht mehr mit und mussten in Hof die Nacht verbringen.

Allerdings erinnert sich Anni Müller gerade auch nach dem Wochenende daran, dass geschmierte Schnitten im Mülleimer lagen, weil es wieder frisches Brot zu kaufen gab. „Das Problem war, dass die DDR ihre Leute nicht reisen ließ.“ Sonst hätten sie gesehen, „dass auch bei uns das Fensterputzen nicht einfacher ist.“ Andererseits weiß sie noch: „Wir riefen das Radio an, um Übernachtungsmöglichkeiten zu suchen“, weiß sie noch. „Da haben wir viel Zuspruch erfahren.“

Günther Meyer berichtet ebenfalls von Ostdeutschen, die in Hof mühsam ihren Trabi für die Rückfahrt suchten. Nein, die waren nicht weg, aber wo parkten sie nur? „Die Trabis sahen ja alle fast gleich aus.“

Auch bei den Meyers übernachteten Menschen aus dem Osten. Mit ihnen „sind wir noch in Kontakt, ergänzt seine Frau Annemarie. Sie arbeitet heute in der Hofer Bahnhofsmission, war aber 1989 im Einzelhandel tätig. Und er meint: „Es war eine tolle Zeit, aber viel Chaos.“

                   Susanne Borée