Entfacht der Zorn Gottes Katastrophen?

Vertreibung aus dem Paradies
Christian Rohlfs (1849–1938): Vertreibung aus dem Paradies. Bild: AKG

Neue Zugänge zum Alten Testament als kulturelles „Tagebuch der Menschheit“? Teil 1

Wie kann ein guter Gott Schlimmes zulassen? Und selbst die Menschen aus dem Paradies vertreiben? Immer wieder schlagen wir uns mit dieser Frage herum. Doch es ist eine moderne Frage. Vorzeiten dachten Menschen eher in Tun-Ergehens-Zusammenhängen, so Carel van Schaik und Kai Michel, die Autoren des Buches „Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät“. Der Evolutionsbiologe und Anthropologe sowie der Historiker lesen die Heilige Schrift als Zeugnis menschlicher Entwicklung.

Die frühen Menschen mussten sich durch den Übergang zur Landwirtschaft gänzlich neuen Herausforderungen stellen: Sie hatten sich einerseits einer Arbeits- und Lebensform anzupassen, auf die ihr Körper nicht vorbereitet war. Und sie mussten auch mit viel mehr Mitmenschen umgehen lernen als ihr Stammesverband ursprünglich umfasste.

Gerade die Weiterentwicklung kultureller Traditionen half weiter: Es gab nun innerhalb einer Gruppe Konventionen darüber, welches Handeln angemessen ist oder welche Speisen ekelhaft sind. Das schuf Verbindungen zu den Mitgliedern derselben Gruppe, gerade wenn sie sich nicht mehr alle persönlich kannten, und grenzt sie nach außen ab.

Halt! War der Übergang vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern mit Vorratshaltung nicht ein unbestreitbarer Fortschritt der Menschen? So konnten sie endlich mehr Besitz anhäufen als sie zu tragen vermochten. Und als Ackerbauern mehr Menschen ernähren. Dennoch erschien die Einführung von geplanter Saat, Ernte und Vorratshaltung eher als eine Vertreibung aus dem Paradies als ein Segen.

Durch das enge Zusammenleben untereinander breiteten sich neue Krankheiten aus. Neuartige Erreger sprangen von den Haustieren auf sie über. Mehr noch: Wenige Glückliche oder besonders Durchsetzungsfähige häuften immer mehr Besitz an – auf Kosten der anderen. Unterdrückung, Armut und bald schon Gewalt und Kriege für mehr Land oder Besitz breiteten sich aus.

Die biblische Sündenfallgeschichte jedenfalls biete eine tragfähige Erklärung für Ungerechtigkeit und Schmerzen, meint „Das Tagebuch der Menschheit“. Und: Hier grenzt Gott zum ersten Mal Besitz ab. Seinen Anspruch an „seinem“ Baum achten die Menschen noch nicht. Die Erfindung des Eigentums und die Abwertung der Frauen sehen die Autoren als Folge und Grundlagen der landwirtschaftlichen Revolution an. Die Frau kam in die Familie des erbenden Mannes, der sicher sein musste, dass seine Erben auch von ihm abstammten.

Und was sagt die Genesis?

Es ist sicher ein Entwurf einer Kulturgeschichte, der aus einem Guss und von bestechender Logik scheint. Dennoch werden aber verschiedene Ebenen miteinander vermischt, so Professor Michael Pietsch. Für den Lehrstuhlinhaber für Altes Testament an der Augustana in Neuendettelsau geht diese Theorie nicht so einfach auf. So hatten Adam und Eva den göttlichen Auftrag erhalten, im Garten Eden bebauend und bewahrend (1. Mose 2,15) tätig zu sein. Gleichzeitig gibt es keine Hinweise darauf, dass sie sich dort als Jäger betätigt hätten. Gott wies ihnen in beiden Schöpfungsberichten Früchte und Samen als Nahrung zu (1.Mose 1,29 und 1. Mose 2,16).

Erst nach der Sintflut gab Gott ausdrücklich die Tiere als Speise für die Menschen frei (1. Mose 9,3), obwohl das Opfer Abels an Gott bereits in „Erstlingen seiner Herde“ besteht (1. Mose 4,4). Sie mussten zumindest dazu getötet werden.
Im alten Orient begann vor etwa 12.000 Jahren der Prozess, in dem die Menschen sesshaft wurden. Die ersten Texte des heutigen Alten Testaments seien aber wohl im 8. vorchristlichen Jahrhundert schriftlich fixiert worden, so Michael Pietsch. Dazu gehörte jedoch noch nicht die Genesis-Erzählung, auch wenn sie für uns am Anfang steht, sondern Teile der Propheten wie die ersten Jesaja-Kapitel, Amos oder Hosea.
Wie sollte über einen so langen Zeitraum hinweg die Erinnerung an die Umbrüche detailliert überliefert gewesen sein? Vielleicht abgesehen davon, dass „früher“ mal alles besser gewesen sei. Aber dieses Gefühl haben Menschen wohl immer.

Zurück ins Paradies?

Und warum gingen die Menschen dann nicht einfach zurück in ihr Verlorenes Paradies? Ein Engel mit dem Feuerschwert verwehrte die Rückkehr: Beutewild und wilde Pflanzen waren in der Felderwirtschaft schon so knapp geworden, dass sie längst nicht mehr genug Nahrung für die Bevölkerung boten. Alte Jagd- und Kulturtechniken waren wohl schon verloren, so das „Tagebuch der Menschheit“.

Allerdings geschah die „Erfindung“ sesshafter Bauern mit Vorratswirtschaft nicht plötzlich. Es war eher ein Prozess, der nach den Befunden verschiedener Archäologen mindestens mehrere Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende auch in der Levante dauerte. Verschiedene Lebensformen gab es nebeneinander: Nomaden zogen durch Gebiete, die schon die ersten Städte beherrschten. Auch die Erzeltern sind keine Bauern, sondern Nomaden. Ihre sesshafte Umgebung beäugte sie misstrauisch. Die Ressourcen waren offenbar begrenzt – gerade im kargen Bergland des späteren Israels.

Neid und Zwietracht zwischen Brüdern, aber auch zwischen Bauern und Hirten machte sich so schnell breit wie Kain und Abel aufwachsen konnten. Vielerorts setzte sich das größere Recht des älteren Bruders etwa bei der Erbfolge durch, da er auch – meist – am stärksten war. Spannenderweise ist die Bibel meist auf Seiten des Jüngeren. Die Position des immer Schwächeren?

Bald brach auch schon die Sintflut über die Menschen herein. Auch hier sind wohl reale Erfahrungen überliefert, da am Ende der Eiszeit fruchtbare Landstriche des späteren Schwarzen Meeres, des Persischen Golfes oder anderer Gebiete wohl vor rund 9.000 Jahren ziemlich schnell überflutet waren. Schließlich banden die schnell schmelzenden Eismassen immer weniger Wasser. Auch andere alte Überschwemmungen können da verarbeitet sein.

Das war damals aber unerklärlich. Menschen führen gerne Unbekanntes auf Bekanntes zurück. Sie unterstellen allen Akteuren Absichten, so Carel van Schaik und Kai Michel. Auch der Natur oder zumindest Mächten, die hinter ihr walten mussten. So ließen sie sich leichter ertragen, wenn ein Gott dafür Verantwortung trug. Allerdings wären die vielen Schichten auch der Genesis-Erzählung wohl um einiges ärmer, wenn es nur eine Deutungsmöglichkeit gäbe.

Weitere Deutungen erfahren Sie in weiteren Teilen dieser losen Reihe.

Carel van Schaik und Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Rowohlt-Verlag, ISBN 978-3-49806-2163, 14,99 Euro als Taschenbuch.

                   Susanne Borée