Erben des Widerstandes

Sophie von Bechtolsheim.
Sophie von Bechtolsheim. Foto: Privat

75 Jahre nach dem 20. Juli 1944 reflektiert die Enkelgeneration das Geschehen

Er trat ein düsteres Erbe an: 1996 betrat Manfred Lütz das Haus seines Großonkels Paulus van Husen (1891–1971). Es war mit schweren Vorhängen verhangen, trüb beleuchtet, voll wuchtiger Möbel und verstaubter Papierstapel. Die bisherigen Erben hatten es eher museal verwaltet und nichts geändert. „Und dann fand ich die Memoiren. Sofort war klar, dass das, was ich da las, von außerordentlicher historischer Bedeutung war, denn es gab ja nur wenige überlebende Mitverschwörer vom 20. Juli.“  

Ist in den vergangenen 75 Jahren seit 1944 der „20. Juli“ nicht ausreichend beleuchtet worden? Den verschnürten Papierstapel hatte van Husen mit der Bitte versehen, „das hier Niedergeschriebene erst zu veröffentlichen, wenn es niemanden mehr schaden könne“. 2010 gab es eine zeitgeschichtlich aufgearbeitete Auswahl. Nun, zum 75-jährigen Jubiläum, erschien eine Neuauswahl in verdichteter Form. Gerade die Ereignisse um den 20. Juli bis zum Kriegsende sind packend erzählt. „Der Text hat insgesamt etwa tausend Schreibmaschinenseiten, von denen ich etwa ein Viertel veröffentlicht habe“, verrät Lütz dem Sonntagsblatt. Er habe alle erzählten Teile ausgewählt. Auch in den 1920er Jahren war van Husen politisch aktiv. Und er gehörte nach 1945 zu den Gründern der CDU und amtierte als erster Verfassungsgerichtspräsident Nordrhein-Westfalens bis 1959.

Perspektiven der Oma

Enkelin und Historikerin – aus diesem spannungsreichen Verhältnis schreibt Sophie von Bechtolsheim.   Sie erblickte 1968, 24 Jahre nach Hinrichtung ihres „Opapas“ Claus von Stauffenberg das Licht der Welt. Intensive Erinnerungen hat sie an die Oma Nina, die erst 2006 verstarb.  

„Meine Großmutter hatte die Entscheidungen ihres Mannes mitgetragen. Sie wusste, dass ein Umsturz geplant war; nicht, dass mein Großvater selbst das Attentat ausführen würde. Sie wusste um das Risiko des Scheiterns“, so die Enkelin. „Sie hat überlebt, sie hat die Gegenwart bewältigt und ihren Kindern und Kindeskindern eine Zukunft ermöglicht. So hatte sie es mit ihrem Mann verabredet. ... Sie konnte keinen Unterschied sehen zu all den Witwen, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. Wenn er schon habe sterben müssen, dann sei es besser gewesen, dass es für eine gute Sache geschehen sei.“ Direkt nach dem gescheiterten Attentat und vor der Verhaftung erzählte sie den beiden ältesten Söhnen von der Rolle ihres Vaters. „Warum?“, so fragten diese. „Er hat wohl gemeint, er müsse es für Deutschland tun.“

Aber nach dem 20. Juli spielte sie die Naive. Das rettete ihr das Leben, wurde aber auch nach 1945 gern geglaubt. „Ihre Aufgabe bestand darin, auszuhalten, zu überleben. Der Auftrag war, und das wiederholte sie immer wieder, sich für das Kind, das sie erwartete, und für ihre vier Kinder, von deren Verbleib sie jedoch zunächst nichts wusste, zu erhalten. So hatte sie es mit meinem Großvater verabredet. Das war ihr Programm“, so von Bechtolsheim.

Die vier Stauffenberg-Kinder zwischen zehn und drei Jahren sowie deren Cousins wurden im August 1944 in ein Erziehungsheim gebracht. Vorher schaffte es noch der Ortspfarrer, sie zu segnen. Schließlich wollten die Nazis nach dem 20. Juli die Stauffenbergs „bis zum letzten Glied ausrotten“, sie blieben aber verschont. Sie erhielten neue Namen. Später kamen dort 46 Kinder aus dem Verschwörerkreis zusammen. Nina von Stauffenberg blieb in Einzelhaft und gebar dort Anfang 1945 ein kleines Mädchen.

Nach dem Kriegsende gelang es ihr schließlich, die Familie bei Bamberg wieder zu sammeln. Sie blieb nun unverheiratet. Mit der einsetzenden Erinnerungskultur war sie nicht immer glücklich. In den 1970er Jahren habe sie beschlossen, sich nicht mehr öffentlich zu äußern. Über den „Stauffenberg“-Film von 2004 äußerte sie nur: „Natürlich Unsinn.“ Ihre Beschwerde im Film, „dass ihr Mann nur immer Widerstand und nicht die Familie im Sinn“ gehabt habe, beurteilte sie als heutige „Befindlichkeiten von Frauen“. Sie „habe die Konsequenzen dieser Haltung ausdrücklich akzeptiert“. Ihr Mann sei aber anrührend wiedergegeben.  

Auch Lütz ergänzt: „Ich habe das immer als verpflichtendes Erbe angesehen und deswegen habe ich jetzt auch die Lebenserinnerungen meines Großonkels für eine breitere Öffentlichkeit herausgegeben, denn ich glaube, dass sie gerade heute wichtig sind. Man kann da wirklich erleben, wie es ist in Zeiten, wo langsam die Moral in der Politik abhanden kommt, aufrecht zu bleiben.“

Er lernte den unbekannten Großonkel ganz neu kennen, „als Menschen in der so spannend geschriebenen Lebensgeschichte. Ja er ist mir sozusagen vor allem auch durch seinen spritzigen Humor selbst in den schlimmsten Situationen ein bisschen ans Herz gewachsen“.

Hier waren die Familienverhältnisse kantiger: „Es war vor allem seine etwas problematische Schwester, Tante Ite, die meine Mutter davon abhielt, ihn aufzusuchen“, erklärt Lütz dem Sonntagsblatt. Sie führte ihrem Bruder den Haushalt. Als er Ende 1944 verhaftet war, drohte sie einem Berliner Senatspräsidenten, das Gericht zusammenzuschreien, wenn er ihr nicht sofort weitere Informationen geben würde. Die Kehrseite der Medaille: Die Mutter von Manfred Lütz, die als Nichte die Kriegszeit im Haus der van Husens verbrachte, hielt aus diesem Grund später ihre Kontakte in Grenzen.

Und Nina von Stauffenberg? Auch sie pflegte keineswegs den „Heldenkult“, sondern erzählte etwa im Familienkreis, dass „Opapa“ nicht schwindelfrei gewesen sei. Die Art der Erinnerungskultur reflektiert auch Sophie von Bechtolsheim: Ihre Oma war keine „Berufshinterbliebene“, sie selbst kein „Heldenspross“, sondern schwänzte auch mal.

Es geht ihr um die Frage: Wofür bin ich verantwortlich? Das schließt auch Situationen mit ein, „in denen es unverantwortlich wäre, nicht zu handeln, auch wenn man sich unvermeidlich schuldig macht“. So genannte „zwingende Umstände“ sollten uns nicht daran hindern „das Nötige zu tun“, gerade unter Prüfung des Gewissens. Insofern der provozierende Untertitel des Buches: Stauffenberg war nicht Attentäter im Sinne der späteren RAF oder des „IS“. Ihm ging es nicht darum „Terror in die Welt zu setzen“, sondern „Tyrannei zu beenden“. Die Anfragen bleiben – auch wenn sie sich heute „leichter verdrängen und vernachlässigen“ lassen und nicht „lebensbedrohlich“ sind. Sie sind keinesfalls zu düster oder verstaubt.
                       Susanne Borée

– Sophie von Bechtolsheim: Stauffenberg – mein Großvater war kein Attentäter, Herder-Verlag 2019, 144 Seiten, ISBN: 978-3-451-81878-3, Druckausgabe 16 Euro, E-Book 11,99 Euro.

– Manfred Lütz und Paulus van Husen: Als der Wagen nicht kam, Druckausgabe 25 Euro, E-Book, 19,99 Euro, Herder 2019, 384 S., ISBN: 978-3-451-38421-9.