Heldenmut oder Sturheit?

Susanne Borée
Susanne Borée

Heldenmut oder Sturheit? Das unbeugsame Verhalten des Pfarrers Paul Schneider erfüllt mit Bewunderung. Aber es lässt auch erschauern: Hätte er nicht ein klein wenig diplomatischer, nur etwas kompromissbereiter sein können – und er hätte überlebt? Aber: Treffen diese Fragen überhaupt das Geschehen? Schließlich wurde Paul Schneider vor 80 Jahren umgebracht. Fünf Jahre und zwei Tage später, am 20. Juli 1944, scheiterte das Hitler-Attentat. Über beide Gedenktage will diese Ausgabe nachdenken. Wie weit können Kompromisse gehen?

Wann ist es sinnvoll, dem aus der Kontrolle geratenen „Rad in die Speichen zu fallen“? – wie Dietrich Bonhoeffer es formulierte. In keinem Fall war Schuld zu umgehen, wie es auch Sophie von Bechtolsheim, die Enkelin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, noch einmal darstellt. Doch galt es, gerade auch da einen kühlen Kopf zu behalten, und sich nicht von Wut oder Hilflosigkeit lähmen zu lassen.

Und was, wenn Attentat geglückt wäre? Dann hätte es wahrscheinlich eine „neue Dolchstoßlegende“ gegeben, so sieht es auch Sophie von Bechtolsheim. Die Niederlage musste wohl total ausfallen, damit sie wahrnehmen konnten.  „Aber der Versuch, Millionen von Menschen Leben und Würde zu retten, der war es wert.“ Schließlich fielen im letzten Dreivierteljahr des Krieges mehr Soldaten als in den Jahren davor – abgesehen von den Massenmorden der Nazis in den letzten Monaten.

Bewegend und leider allzu aktuell sind ihre Gedanken als Media­torin zum „inneren Gruppendruck“ und den inneren Zwängen dazu gehören zu wollen. Dabei erinnert sie an Eltern-Veranstaltungen zum Thema „Mobbing“, „in denen ich lernen darf, woran man merkt, dass das eigene Kind Mobbing-Opfer ist, aber nicht, woran man erkennt, dass es sich an Mobbing beteiligt. Obwohl doch statistisch gesehen für Letzteres die größere Wahrscheinlichkeit besteht.“ Schließlich quält eine ganz Gruppe Täter das einzelne Opfer.

Da gilt immer die Frage: Unter welchen Umständen ist es notwendig, keine Kompromisse mehr einzugehen? Auch dann, wenn es heute nicht mehr lebensbedrohlich ist. Auch wenn verbindliches Verhalten als so viel angenehmer erscheint. Bei jeder dieser Gratwanderungen liegt der Ausgang in der Zukunft. 

                               Susanne Borée