Wegweisung durch Wolken und Nacht

David Grube
Kurator David Grube vor dem Gemälde „Ave Maria“ von Josef Wopfner von 1880 im Museum Georg Schäfer, Schweinfurt. Foto: Borée

Museum Georg Schäfer Schweinfurt mit gegensätzlichen Einblicken ins 19. Jahrhundert

Sie scheinen aus zwei vollkommen verschiedenen Welten zu stammen. Dennoch sind sie gleichzeitig zu sehen: Die beiden aktuellen Ausstellungen des Schweinfurter Museums Georg Schäfer. Zumindest entstammen sie einer Epoche: Die Maler Josef Wopfner (1843–1927) und Henri de Toulouse-Lautrec (1864–1901).Was haben sie sich zu sagen – der „Chiemsee-Maler“, der ursprünglich aus Österreich stammte und sich in Südbayern seinen Wirkungskreis schuf, und der Werber für die Pariser Halbwelt? Jedenfalls haben beide Präsentationen sehr viel mit äußeren Umständen zu tun.

Volontär David Grube vertiefte sich während der vergangenen zwei Jahre intensiv in die archivalischen Bestände des Museums. Dabei konnte er entdecken, dass dort zahlreiche Skizzenbücher Wopfners schlummerten, aber auch Bilder des Künstlers. Museumsgründer Georg Schäfer muss sie wohl bereits in den 1950er und 1960er Jahren erworben haben. Sie stammen noch direkt aus dem Nachlass Wopfners.

„So bin ich wider Willen Landschaftsmaler geworden, weil ich dadurch eher meine Existenzgrundlage gefunden habe.“ Diesen Ausspruch Josef Wopfners aus einem Brief kurz vor seinem Lebensende zitiert David Grube. Dabei lebte der Künstler gar nicht mal schlecht von seinen Motiven. Teilweise malte er sie immer wieder in leichten Variationen. Dabei sind die Stimmungen des Lichts und das Theater der Wolken für ihn kein Selbstzweck: Sie beeinflussen das Leben und die Arbeit von Fischern und Bauern. Oder sie spiegeln das Seelenleben der handelnden Personen. Öfter ging Wopfner mit dem Prinzregenten Luitpold auf die Jagd. Diese Begegnungen und die Motive aus diesem Zeitvertreib fanden auch Niederschlag in seinen Bildern.

Doch dabei blieb er nicht stehen: Den Stimmungen von Himmel und Wasser entlockte er immer wieder neue Reize. Oft erscheinen sie idyllisch, dann aber auch wieder richtiggehend dramatisch. Nicht umsonst hatte Josef Wopfner einst bei dem Historienmaler Karl von Piloty gelernt. Ein Beispiel ist hier die „Verfolgung der Wilderer“ von 1884: Ein Gendarm und eine bunt zusammengewürfelte Bootsbesatzung bieten dazu in einem großformatigen Bild in stürmischem Wetter alles dazu auf. Die Fortsetzung dazu findet sich in der Schweinfurter Ausstellung im Mini-Format: die verfolgten Wilderer mit ihrer Beute an Bord.

Auffällig ist aber, dass viele der Bilder für seinen Zeithorizont als allzu traditionell erscheinen. Immer wieder malte Wopfner etwa ein Einbaum-Boot, auch wenn dies zu seiner Zeit bereits außer Dienst gestellt war und es schon längst Dampfschifffahrt auch vor Ort gab. Ein letztes Exemplar besorgte er sich eigens für die Studien, während die technischen Neuerungen in Wopfners Bildern kaum eine Rolle spielen. Wopfner benutzte Bleistiftzeichnungen in Skizzenbüchern mit handgeschriebenen Farbangaben als Vorlagen – während viele seiner Kollegen dazu schon mit Fotos arbeiteten.

Allerdings bewahrte diese Haltung Wopfners auch davor, in die allgemeine Kriegsbegeisterung mit einzustimmen. Er empfand den Kriegsausbruch von Anfang an als „abscheulich“. Er wandelte nun die Motive um, dass sie nun die Arbeit der Sanitäter und des Roten Kreuzes unterstützen konnten.

Doch David Grube kann in seiner Ausstellung auch zeigen, dass Wopfner nicht dabei stehen blieb. Einige seiner Bilder haben durchaus impressionistische Anklänge. Allerdings stammen sie aus dem Nachlass und waren wohl auch nicht für den Verkauf gedacht. Auch Studienreisen weiteten den Horizont Wopfners jenseits des Chiemsees und München nach Paris, Italien oder der Nord- und Ostsee.
In einem seiner bekanntesten Gemälde zeigt Wopfner aber auch die Stille eines Abendgebetes. Die Ruhe spiegelt sich in der glatten Oberfläche des Chiemsees und den sanften Farben des Himmels (oben).

Ist noch ein größerer Kontrast denkbar zu den bewegten Plakaten Henri de Toulouse-Lautrecs? Um seine Existenz musste er sich keine Sorgen machen. Geboren war er als Sohn einer hochadligen Familie in Frankreich. Doch aufgrund einer Erbkrankheit war er zwergenwüchsig und gehbehindert. Was Wopfner das Wetter bedeutete, war für Lautrec das Leben der Nacht: die Stars und Sternchen, die Künstler und Konkubinen des ausgehenden 19. Jahrhunderts – meist auch die eher eckigen Persönlichkeiten da. Obwohl er es nicht nötig hatte, entwarf er ihnen Werbeplakate: auch für Jane Avril, mit der Lautrec eng bekannt war. Ihre Konkurrentin Yvette Guilbert erscheint dort mit ihren charakteristischen Handschuhen – aber kopflos.

Dabei schuf Lautrec eine ganz eigene Bildwelt – voller Bewegung, Andeutungen und flirrender Schleier. Zusammen mit seiner eigenen Lebensgeschichte erscheint es eine Welt voller Sehnsucht zu sein. Zum ersten Mal entstand eine eigene Kunstform der Werbeplakate. Zunehmend fanden sie Anklang beim Publikum als eigene Kunstform, die sich unabhängig von ihrer Botschaft durch ihren grafischen Reiz entwickelte. Lautrec selbst schuf da Maßstäbe.

Das Schweinfurter Museum Georg Schäfer nutzt auch hier die Gunst der Stunde: Es profitiert hier von der vorübergehenden Schließung des Musée d‘Ixelles in Brüssel wegen Renovierung. Nur sieben Jahre blieben Lautrec für sein künstlerisches Schaffen: Dann war er dermaßen durch seine Alkoholkrankheit gezeichnet, dass er ab 1898 nicht mehr kreativ tätig sein konnte. 1901 verstarb er mit 37 Jahren – also lange vor Josef Wopfner. Vielleicht hat ihn der Münchner bei einer Paris-Reise wahrgenommen – da gab es wenig Resonanz. Doch geprägt haben beide auf sehr unterschiedliche Weisen die Wahrnehmungen des 20. Jahrhunderts.

Ausstellung über Josef Wopfner noch bis 1. September und über Henri de Toulouse-Lautrec bis 29. September im Museum Georg Schäfer Schweinfurt, Brückenstraße 20, mehr telefonisch unter 09721-514826 oder im Internet unter www.museumgeorg­schaefer.de, Kataloge zu beiden Themen vorhanden. Eintritt dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, dienstags bis 20 Uhr, Eintritt zu 9 Euro.

                     Susanne Borée