Orlando und Bedford-Strohm
Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, mit dem bayerischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm in Dortmund.

Wie offene Häfen schaffen?

„Gemeinsam für offene Häfen in Europa“ – dafür plädierte eine kurzfristig einberufene Großkundgebung in der Westfallenhalle. Heinrich Bedford-Strohm hatte spontan bei seiner jüngsten Fahrt zur Unterstützung der Seenotrettung von Flüchtlingen (wir berichteten) Leoluca Orlando nach Dortmund eingeladen.

Der Bürgermeister von Palermo in Sizilien hatte einst erfolgreich den Kampf gegen die Mafia in seiner Heimat geführt. Nun engagiert er sich für die ankommenden Flüchtlinge. „Wir haben keine Migranten bei uns“, rief er dem Publikum zu. „Es sind Menschen“. Das aktuelle Flüchtlingsdrama sei „eine Schande für Europa“. Der Sizilianer, der schon aufgrund der Lage seiner Stadt in besonderem Maße mit den Flüchtlingen konfrontiert ist, setzt sich gleichermaßen exponiert für einen menschlichen und konstruktiven Umgang mit ihnen ein.

Heinrich Bedford-Strohm an seiner Seite rief dazu auf, vor allem eine grundsätzliche Lösung für diese immer wiederkehrenden Katastrophen auszuhandeln. Diese Forderung nahm der Abschlussgottesdienst eindrücklich auf und forderte ein Rettungsschiff der Kirche.

Dazu schließen sich europaweit immer mehr Kommunen unter der Initiative „Offene Häfen für Europa“ zusammen. Allein in Deutschland sind es schon mehr als 60 Städte. Sie erklären ihre Bereitschaft, über die üblichen Kontingente hinaus freiwillig weitere Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, die aus Seenot gerettet wurden. Ihre Gründe und Handlungsoptionen erklärten bei der Veranstaltung etwa der Oberbürgermeister Düsseldorfs und die zuständige Stadträtin aus Dortmund. Vertreterinnen der Organisation „Sea-Watch“ und der „Seebrücke schafft sichere Häfen“ in Deutschland kamen ebenfalls zu Wort.

Sicherlich war diese Veranstaltung emotional geprägt, wenn auch notwendig. Weitere Foren schlossen sich an und diskutierten tiefgründig die Integrationspolitik, aber auch die Ursachenforschung in Afrika. Sie boten Wegweisung, die auch weit über diesen Kirchentag hinausgehen dürfte. Darunter fiel die Podiumsdiskussion „Dazu gehören – aber wozu?“, die gleich an diesem Appell für die Seenotrettung anschloss. Dort diskutierte Ex-Innenminister Thomas de Maizière gerade auch mit Migranten und deren Nachfahren.

Überraschend konstruktiv zeigten sich Gespräche darüber, wie Diskussionen um das „Kuchenrezept“ und die „Tischordnung“ auszuhandeln seien. Und was ist eigentlich mit denjenigen, die sich mit neuen Gerichten nicht abfinden, sondern gewaltsam Neues verhindern wollten, weil ihre Gedankenwelt im Gestern verhaftet geblieben ist? Annette Kurschus, Präses (Landesbischöfin) der Evangelischen Kirche von Westfalen, ging noch einen Gedankenschritt weiter: Wer hat zum Festmahl im Wohlstand eingeladen?

Überhaupt erschien dieser Kirchentag trotz seiner weiten Horizonte eher harmonisch als kontrovers zu sein. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich bei ihrem Auftritt dort zuversichtlich, die großen globalen Herausforderungen lösen zu können. Am Samstag setzten die Besucher mit einer Menschenkette ein Zeichen für den Frieden: Ihnen fehlte die AfD sicher nicht, die zu dem gesamten Kirchentag nicht eingeladen war. Vom Messegelände bis in die Dortmunder Innenstadt führte sie und schuf ein starkes Gefühl der Zusammenhörigkeit.

„Meer-Nachbarschaft – Mehr als Integration“: Unter diesem Motto stand eine weitere große und anspruchsvolle Podiumsdiskussion über „Europa und Afrika“ mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Er sprach mit der ehemaligen liberianischen Staatspräsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die ihr Land aus der Diktatur herausgeführt hatte, mit Fidon Mwombeki, Pfarrer aus Tansania und Generalsekretär der Gesamtafrikanischen Kirchenkonferenz sowie Repräsentanten der EU und großer deutscher Firmen, die im südlichen Afrika investieren.
Horst Köhler malte in farbenprächtigen Bildern seinen Traum von einem entwickelten und verantwortlichen globalen Spieler Afrika im Weltkonzert. Die Entwicklung müsse aus sich selbst heraus geschehen, wobei der großen jugendlichen Bevölkerung des Kontinents eine besondere Rolle zukomme.

Die abschließende Podiumsdiskussion zeigte aber deutlich viele Schwierigkeiten bis dahin auf. EU-Kommissar Christos Stylianides aus Zypern und die linke Europa-Abgeordnete Sabine Lösing diskutierten die Rolle Europas in diesem Wandel. Europa übe deutlich Druck aus: Doch geschieht das vor allem aus Eigeninteresse oder zur Entwicklung tragfähiger Lösungen?

Und wie kann eine konstruktive eigene Entwicklung Afrikas geschehen? Dies gerade auch trotz des zunehmenden chinesischen Engagements auf „dem schwarzen Kontinent“? Stoße es nur in Lücken vor, die Europa lässt? „Europa hat seine Richtung verloren“, ermahnte Horst Köhler gegen Schluss der Runde. Dabei seien die christlichen Werte unseres Kontinents ein Schrittmacher der Verantwortung gewesen.

Natürlich war der Kirchentag auch bunt, voller Musik und Kultur. Gerade in der Fußgängerzone, in der Innenstadt, konzentrierten sich viele Bühnen. Oder Chöre sammelten sich. Rund um die zentrale St. Petri-Kirche boten Evangelische Gemeinschaften und Kommunitäten ein spirituelles Zentrum und viele Möglichkeiten zum Atemholen an. Auch Schwestern vom Schwanberg und aus Selbitz waren da. Tageszeitengebete und Segnungen strukturierten den Tagesablauf der Kirchentagsbesucher. Ringsherum stellen Pilger-Angebote ihre Wegweisung vor, darunter das Pilgerzentrum in Nürnberg mit Michael Kaminski und Oliver Gußmann. Vielleicht konnten so auch die Passanten vom Eröffnungsabend ein wenig davon erfahren, was Kirchentag bedeutet.

An Besuchern mangelte es den meisten Ereignissen keineswegs. Auch nicht dem Musical „Martin-Luther-King“, das einen besonderen Höhepunkt darstellte. Es kommt auch 2020 nach Bayreuth. Im Projektchor in der Westfalenhalle sangen mehr als 2.000 stimmgewaltige  Interessierte. Der jüngste Sänger war sieben Jahre alt, die älteste 84. Die Schlange der Zuschauer ging schon Stunden vor dem Beginn fast über das Gelände der Westfalenhalle. Die Musik verband begeisternde Rhythmen und ein nachdenkenswertes Beispiel in besonders eindrücklicher Weise.

                  Susanne Borée