Heilsamer Geist – in vergessenen Konflikten

Bischof Markus Schoch
Bischof Markus Schoch. Foto: EKGE

Markus Schoch, evangelischer Bischof in Georgien, sprach über die Lage am Südkaukasus

Wunden in Europa – ist Versöhnung möglich?“ Zu diesem Thema sprach Markus Schoch, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Georgien und im Südkaukasus am Himmelfahrtstag in der Evangelischen Stadtkirche Goldkronach bei Bayreuth. Sowohl „großstrategisch“ als auch in seinem Wirkungsfeld im Kaukasus ließen sich viele Bezüge herstellen. Die Grenzen zwischen Georgien und Südossetien sind nach wie vor labil. Immer wieder käme es heute noch zu „Entführungen“ oder „Verhaftungen infolge von Grenzverletzungen“ – je nach Interpretation der einen oder anderen Seite. Dabei sei der genaue Grenzverlauf nach wie vor unklar, so Schoch. Nach seinem Auftritt in Goldkronach nutzte der gebürtige Württemberger die Gelegenheit zu Gesprächen in Deutschland. Auch ein Interview mit dem Evangelischen Sonntagsblatt kam zustande.

Von der georgischen Hauptstadt Tiflis aus betreut Bischof Schoch auch Gemeinden im armenischen Eriwan und Suchomi in Abchasien. Auch die Lage zwischen Armenien und Aserbaidschan sei nach wie vor labil. Immer wieder kommt es zu Gefechten. Wie kann in einer solch verfahrenen Situation eines vergessenen Konfliktherdes das Wirken des Heiligen Geistes Raum gewinnen?
Zwölf Stunden dauere die Reise für die rund 430 Kilometer von Tiflis nach Suchomi. Diese Hauptstadt der Region Abchasien erklärte sich 2008 gegenüber Georgien für unabhängig. Die Grenze selbst lasse sich nur zu Fuß passieren. Doch die evangelische Gemeinde dort hat keinen Pfarrer mehr, nur noch eine Predigerin. „Abendmahl gibt es nur, wenn ich komme.“ Nur er könne dies mit der Gemeinde feiern.
Dies weniger aufgrund seiner Rolle als Bischof, sondern wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit. Den georgischen Kollegen ist die Einreise nach Abchasien unmöglich. Der Württemberger Markus Schoch ist seit Herbst 2017 Bischof in Georgien. Jeweils drei Pfarrerinnen und drei Pfarrer betreut er in diesem Land am südlichen Kaukasus.

Neben den Lutheranern hätten nur noch die Baptisten vor Ort Pfarrerinnen, so Schoch. In der dominierenden georgisch-orthodoxen Kirche ist dies schon gar nicht möglich. Für die Gemeinden seien die Pfarrerinen fast schon alltäglich. Darüber hinaus auch im Alltag anerkannt. Soweit dies für lutherische Pastoren möglich sei, schränkt Schoch ein.

Durchgesetzt hat die Frauenordination erst vor etwa einem dutzend Jahren eine georgische evangelische Theologin. Das Vikariat ging für sie als Frau gerade noch. Dann stand die Frage im Raum, ob sie ordiniert werden könnte. In geheimer Abstimmung sprachen sich 21 der 24 Synodalen dafür aus. Heute ist dies allgemein anerkannt, so Schoch.

Anders als in Lettland, wo er vor seiner Berufung nach Georgien als Auslandpfarrer der evangelisch- lutherischen deutschen Gemeinde lang tätig war. 2016 erlebte er – als Gast, wie er betont – mit, wie die Synode der lettischen evangelisch-lutherischen Kirche wieder die Frauenordination abschaffte.

Schoch entdeckte dabei keine theologischen Argumente. Der lettische Erzbischof hatte bereits seit zwei Jahrzehnten keine Frauen mehr ordiniert. Ein Redner etwa hätte erklärt, dass das Pfarramt ein zu schweres Amt für Frauen sei. Er würde einer Frau auch nicht zumuten, „einen Kartoffelsack aus dem Keller zu holen“. Momentan würde in Lettland gar diskutiert, aus der GEKE, der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, auszutreten. Dies wohl auch wegen des Gegenwindes der europäischen Kirchen nach der Abschaffung der Frauenordination.

Sei in Lettland durchaus noch soziale Ungleichheit spürbar gewesen, so empfindet Markus Schoch die Armut in Georgien noch als verschärfter. Seit Herbst 2015 (wir berichteten damals aus Georgien) habe sich die Armut kaum verbessert.  
Längst gibt es aber auch unter den Gemeindemitgliedern kaum noch starke deutsche Wurzeln. Viele Gemeindemitglieder haben jedoch „sowjetische Biographien“, wie es der Bischof ausdrückt. Ihre Vorfahren und Verwandten stammen aus vielen Regionen der einstigen Sowjetunion. In den evangelischen Gemeinden werde oft noch russisch gesprochen – obwohl das in Georgien ansonsten kaum anerkannt ist.

Andere Gemeindemitglieder kommen über die aktive Jugendarbeit oder über Sommerlager. In der stark georgisch-orthodox geprägten Mehrheitsgesellschaft sei ein Übertritt in eine andere Kirche aber nicht leicht. Die theologische Ausbildung der späteren Pfarrer laufe zumeist über ein Studienzentrum der ELKRAS, der Gemeinschaft lutherischer Kirchen in Russland und vieler ehemaliger Sowjetrepubliken, bei St. Petersburg.

Dennoch ist die kleine evangelisch-lutherische Kirche intensiv diakonisch engagiert. Sie hat einen häuslichen Pflegedienst mit rund hundert Patienten aufgebaut. Denn obwohl familiäre Bezüge in Georgien noch viel traditioneller bestehen als in Deutschland, gibt es dennoch viele alleinstehende ältere Menschen. Viele Angehörige „der mitt­leren Generation sind ins Ausland emigriert“ und haben dort Arbeit gefunden. Daher sind die Aufgaben der Schwestern im Pflegedienst deutlich weiter gefasst als etwa in Deutschland: Sie kaufen durchaus für Patienten ein, kochen vor oder erledigen auch einmal Behördenpost. Eine Stunde Zeit rechnen sie dafür pro Patienten. Deren Konfession spielt bei der Aufnahme in die Betreuung keine Rolle, so Markus Schoch. Weniger als zehn seien seiner Schätzung nach evangelisch.

In der Hauptstadt Tiflis, in Rustawi im Süden und in Duscheti an der Südossetischen Grenze gibt es Stationen der Pflegedienste. Ein Drittel der Ausgaben wird von den Stadtverwaltungen erstattet. Gerade die Situation der Flüchtlinge – unter ihnen besonders die Lage der älteren Menschen – sei schwierig. Oft sind hier Familienbande zerschnitten. Es herrscht Armut. Die Flüchtlingsunterkünfte befinden sich in Gebieten mit nur wenig Arbeitsmöglichkeiten.

Die Kirche hat ebenfalls einen Beratungsdienst für die legale Einreise nach Deutschland aufgebaut. Georgische Asylbewerber haben hierzulande kaum Chancen auf Anerkennung, da Georgien als politisch stabil gilt. Aber es gibt Möglichkeiten einer legalen Einreise. Dies nicht nur für Fachkräfte, sondern auch für Auszubildende. Dies sei für rund 140 Berufe möglich – längst nicht nur in der Pflege, weiß Schoch.

Ferner betreibt die kleine lutherische Kirche in Georgien in der Hauptstadt Tiflis zwei Suppenküchen. Sie versorgen etwa hundert Menschen. Und sie führt ein kleines Altenheim mit elf Plätzen. Weitere 200 Menschen erhalten einmal im Monat eine Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wie Reis oder Öl. So kann das Wirken des Heiligen Geistes über die Gemeinde hinaus spürbar werden.

Deutsches Spendenkonto für die Stiftung Ev. Kirche und Diakonie in Georgien: IBAN: DE39 5925 2046 0042 0044 46, BIC: SALADE 51 NKS.

                     Susanne Borée