Editorial: Ein Fest für Gottes Botschaft in der Welt

Susanne Borée
Susanne Borée

Es war ein Fest für die Selbstbestimmung und Menschenwürde in diesem Mai: 70 Jahre Grundgesetz gab es am 23. Mai zu feiern. Das ist an sich nicht allzu rund. Einen besonderen Rahmen fand das Jubiläum aber durch die zeitliche Nähe  zur Europawahl und zu anderen Jubiläen: Hundert Jahre Weimarer Republik. Schon im Frühsommer 1919 traten Regierungen aus Protest gegen den Versailler Vertrag zurück, den Deutschland dann doch annehmen musste. Im August 1919 trat ihre Verfassung in Kraft. Sie gab den Menschen gute Rechte, hatte aber wenig Schutzmechanismen bei Missbrauch.

Im Vergleich dazu war die Geschichte der Bundesrepublik in den vergangenen 70 Jahren ein Muster an Stabilität. Die Grundwerte hielten fest – auch nach 1989. Seit 1949 nahmen immer mehr Menschen den Auftrag zur politischen Verantwortung ernst: Schließlich läuteten sie mit Lichtermärschen das Ende der DDR ein. Das Bundesverfassungsgericht wachte geschickt, gab Stabilität, aber erweiterte durch wegweisende Entscheidungen den Handlungsrahmen.

Und was haben diese historischen Überlegungen in einer Kirchenzeitung zu suchen? Die Ansprüche zum Minderheitenschutz und zur Menschenwürde sind Forderungen, die direkt aus der Bibel und aus unserem christlichen Menschenbild erwachsen sind. Armut, Alter und Ängste sollten dem nicht entgegenstehen. Respekt und Verantwortung zählen mehr.

Der Unterschied zu Weimar lag allerdings nicht nur darin, dass uns nach 1949 die Belastungen des Versailler Vertrages und später der Weltwirtschaftskrise 1929 erspart blieben. Viele Historiker meinen: Auch darin, dass 1919 zu viele Politiker im Kaiserreich zu lange, nämlich knapp 50 Jahre nicht gelernt hatten, verantwortlich Politik zu machen. Für ihre Entscheidungen waren Politiker seit 1871 nicht verantwortlich, da ein Kaiser über ihnen sie aufnahm oder verwarf.

Und heute? Verlieren wir dies Gefühl für verantwortliches Handeln wieder? Politiker scheinen eher alles für kurzfristigen Erfolg als für nachhaltige Entscheidungen  zu tun. Doch zeigte sich zumindest in Deutschland bei der Europawahl, dass deutlich mehr Bürger, auch bei schönem Wetter, den Weg in die Wahllokale fanden und überlegte Entscheidungen trafen als befürchtet. Strahlt doch ein wenig von der Festtagsstimmung in den Alltag hinüber?

                               Susanne Borée