In Traditionen Schlüssel zur Zukunft finden

Dekan Martin Reutter
Dekan Martin Reutter. Foto: Borée

Feuchtwangen feiert seine 1.200-jährige Geschichte – und erprobt neue Kirchenmodelle

Gut tausend Jahre ist er alt: Ein Altarstein aus der Feuchtwanger Stifts­kirche. Damit gehört er zu den ältesten Objekten aus Mittelfranken. Schließlich geht die Geschichte des Ortes auf eine Erwähnung des Klosters auf dem Reichstag zu Aachen aus dem Jahr 819 zurück.

Bereits fünf Jahre davor soll auch noch Karl der Große der Gegend persönliche Weihe gegeben haben: Kurz vor seinem Tod 814 habe er sich in der Region Feuchtwangens verirrt. Eine Taube soll ihm den Weg zu einer Quelle gewiesen haben, an dessen Ufer dann Feuchtwangen entstand.

Um die Quellen der Vergangenheit nicht versiegen zu lassen und einen Schlüssel für die Zukunft zu finden, ist Feuchtwangen mit den Nachbarregionen Dinkelsbühl und Wassertrüdingen seit 2018, dem Amtsantritt des Dekans Martin Reutter, ein Erprobungsgebiet für den Zukunftsprozess „Profil und Konzentration (Puk)“. Ein „regionales Gottesdienstkonzept“ ist sein Herzstück. Reutter sichert mehrfach zu: „Alle Kirchengemeinden bleiben.“

Doch findet schon längst nicht mehr an jedem Sonntag in jeder Dorfkirche ein Gottesdienst statt. Aber: Innerhalb von 15 Autominuten sei ein Gottesdienst garantiert, so Dekan Reutter. Abgesehen von einem Gottesdienst im Vierteljahr, der bewusst nur an einem Ort stattfindet. Dann bleiben alle anderen Kirchen zu. Den Anfang machte die Stiftskirche in Feuchtwangen Ende März. Am 30. Juni um 19 Uhr ist dann die Kirche in Wieseth dran.

Frei werdende Kräfte, die nicht mehr durch die Gottesdienstarbeit gebunden sind, sollen für übergeordnete Aufgaben genutzt werden: Etwa, um Familien und Senioren intensiv zu begleiten. Zwei halbe Stellen sind allein dafür vorgesehen, „wenn der Stellenplan greift“, so Reutter. Daneben gibt es „eindeutige Seelsorgegebiete“. Sprich: Ein Pfarrer bleibt zwar weiterhin für seine Gemeinde zuständig. Doch wenn die Zahl der Gemeindemitglieder eine volle Stelle nicht mehr rechtfertigt, wird ein Pfarrer für weitere Aufgaben zum Beispiel in den Nachbargemeinden herangezogen. Da kann er dann etwa schwerpunktmäßig Besuche bei hohen Geburtstagen machen. Auch, wenn ihn dort die langjährigen Gemeindemitglieder vielleicht gar nicht kennen? Er soll sich bekannt machen – zum Beispiel durch zielgenaue Information oder durch seine Präsenz vor Ort.

Auch Seniorenausflüge oder die Konfirmandenarbeit geschehen nunmehr übergemeindlich. Schließlich seien gerade die Dorfbewohner „gewohnt zu fahren“. Für Menschen, die nicht mehr so mobil sind,  kann sich Dekan Martin Reutter einen Fahrdienst vorstellen. Ein Stadtbus fahre bereits durch die Siedlungsgebiete. Denn zu der ehemaligen Reichsstadt gehören viele eingemeindete Dörfer. Und zum Dekanat selbst auch weitere, kommunal eigenständige Ortschaften wie Schnelldorf oder Dentlein am Forst. Wenn der kommunale Bus also nicht ausreicht, existiere bereits ein Kleinbus der Diakonie. Mit ihm fahren unter der Woche demenzkranke Senioren zur Tagespflege. Gerade am Wochenende ist er oft frei. Ehrenamtliche Helfer könnten den Fahrdienst gestalten.

Die „Gehstruktur“ zu den Menschen hin, ist ihm wichtig, so Dekan Martin Reutter. „Kirche muss dort sein, wo die Menschen und ihre Themen sind.“ Eine Sozialrunde „aller sozialen Mitspieler“ von der Diakonie über kommunale Anbieter bis hin zur Lebenshilfe: 25 Menschen kommen in Feuchtwangen an diesen runden Tisch zusammen. Ein „Sozialatlas“ mit allen örtlichen Angeboten soll entstehen. In der zweiten Hälfte des Jubiläumsjahres kommen weitere Arbeitskreise zusammen, in denen sich kommunale und kirchliche Kräfte sowie weitere Engagierte gezielt austauschen.

Auch bei einer drohenden Halbierung der Kirchenmitglieder, die in den kommenden 40 Jahren deutschlandweit vorausberechnet ist, blickt Dekan Martin Reutter hoffnungsvoll nach vorne: „Wir allein bestimmen nicht den Weg der Kirche.“ Er hofft weiterhin auf das Wirken des Heiligen Geistes.

So steht das Dekanat auch in diesem Jubiläumsjahr zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im April feierte es das Jubiläum mit einem Gottesdienst, zu dem auch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm kam (wir berichteten). Nun wird am letzten Maiwochenende ein großes Weindorf auf dem Gelände der Kirche stattfinden. Und am 1. Juni gastiert die Bürgerkapelle Lana in der Stiftskirche. Einen Tag später schließen sich die Wanderfreunde mit einem Altstadtfestkonzert an.

All dies zeigt die enge Zusammenarbeit zwischen Kirche und Kommune. Gerade öffnete die Jubiläumsausstellung des örtlichen Fränkischen Museums ihre Pforten. Sie zeigt auch den Altarstein. Lange stand er  etwas versteckt im Kreuzgang, bevor er nun deutlich im Blickpunkt steht. Mehr als die Hälfte der christlichen Geschichte hat er erlebt.

Und er bezeugt neben Teilen des romanischen Kreuzgangs, dass die christliche Entwicklung Feuchtwangens auch früher nicht bruchlos verlief. Es brauchte eine erste Reform der damals schon erstarrten Klöster vor gut tausend Jahren, um ihnen neues Leben einzuhauchen. Vom burgundischen Cluny über Tegernsee erfolgte vor gut tausend Jahren eine Neubelebung Feuchtwangens.

Alles andere entstand frühestens in der Gotik, als Feuchtwangen ab 1241 Reichsstadt war: Die Stiftskirche zeigt aus dieser Zeit etwa ein beeindruckendes Deckengewölbe. Auch das Chorgestühl für die Kleriker mit seinen fein geschnitzten Köpfen ist einen Abstecher wert. Der Künstler bewies mit seinen unkonventionellen Darstellungen lebendigen Humor: Manche seine Werke würden heute als Karikaturen gelten. Auch die Reformationszeit, das Barock und Renovierungen des 19. Jahrhunderts hinterließen Spuren.

Welche Quellen lassen sich heute fruchtbar machen? Das Dekanat erprobt nun einen Schlüssel für die Zukunft. Im Museum findet er sich bereits: aus dem Jahr 1724. Den Betrieb, der ihn herstellte, gibt es heute in der 13. Generation als „Bauklotz Hezel“. Den Schlüssel für die Zukunft wollen auch aktuelle kirchliche Initiativen nicht aus den Augen verlieren.

                     Susanne Borée