Ändert Glaube unser Verhältnis zum Tod?

Buchcover

Anne und Nikolaus Schneider diskutieren weiter über Sterbehilfe und Gottesbeziehung

Gott geht mit uns durch das Sterben und den Tod hindurch. Wir können diesen letzten Weg im irdischen Leben zum Leben in Gottes Reich ganz seinem Geleit anvertrauen.“ Dieses Glaubenszeugnis des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider prägt das neue Buch „Vom Leben und Sterben“.  

Zusammen mit seiner Frau Anne zieht er nun Bilanz: Lässt sich mit diesem Vertrauen in Gott auch ein qualvolles und langes Sterben besser ertragen? Vor knapp fünf Jahren erhielt Anne Schneider die Diagnose „Brustkrebs“. Damals wollte sie bei unerträglichen Schmerzen und einem verlorenen Kampf gegen die Krankheit in die Schweiz fahren und dort unter ärztlicher Begleitung ein tödliches Mittel einnehmen. Der Krebs schreckte sie besonders, da sie zuvor dem qualvollen Sterben der Tochter Meike hatte zusehen müssen, die jung der Leukämie erlag.

Annes Ehemann Nikolaus Schneider, damals noch EKD-Ratsvorsitzender, wollte dies nicht aktiv unterstützen. Er blieb aber dabei, sie in die Schweiz zu begleiten: „Denn die Liebe zu meiner Frau geht vor.“ Schließlich legte er 2014 vor dem regulären Ende sein Amt nieder. Zusätzliche Brisanz gewann die Frage durch die damalige Diskussion um die Sterbehilfe. Seit Herbst 2015 macht sich strafbar, wer in „geschäftsmäßiger“ Weise Sterbewilligen ein tödliches Mittel überlässt.

Über diese Regelung verhandelt Mitte April noch einmal das Bundesverfassungsgericht. Insofern erscheint es auch nicht als Zufall und nicht nur der Passionszeit geschuldet, dass der Rückblick gerade jetzt erscheint. Das aktuelle Gespräch moderierte und dokumentierte Wolfgang Thielmann. Auf knapp 160, aber intensiven Seiten zeigt das Buch, wie sehr das Paar um das Thema gerungen hat. Wie bestimmen ihre Glaubenserfahrungen den Umgang damit?

Um es vorweg zu nehmen: Anne Schneiders Zustand hat sich stabilisiert. Das zeigt ihr, dass Menschen nicht schon bei einer Diagnose an Suizid denken müssen, sondern erst dann, wenn Schmerzen unerträglich werden. Sie sollten aber die Chance haben, ihr Leben menschenwürdig beenden zu  können. Das gelte unabhängig von dem, „was ich selber vielleicht tun oder vielleicht nicht tun will“.

Die grundsätzlichen Fragen sind also geblieben: „Wir können Gott nicht definieren und nicht logisch widerspruchsfrei über Gott reden, so wie wir über die Welt reden und sie erforschen können“, erklärt Nikolaus Schneider gleich zu Beginn des Buches. Es gäbe nur die Beziehungserfahrungen der eigenen Person und die überlieferten Glaubenszeugnisse, die ebenso Menschen gemacht haben. Auch Zeugnisse über Jesus erleben wir durch Vermittlung teils sehr unterschiedlicher Bibeltexte. Dabei können auch „Menschenworte das Wort Gottes verdunkeln und verfälschen“, ergänzt Anne Schneider.

Menschen können sicher in ihrem Leben erfahren, dass Gott mit ihnen einen bestimmten Weg geht. Aber das dürfe nicht zu einer allgemeingültigen Aussage werden. Dass ganz unterschiedliche Redeweisen von Gott nebeneinander stehen bleiben können, zeigen für beide die Erfahrungen der Psalmbeter. Dabei gilt es, „dass wir uns nicht einen ganz persönlichen Gott nach unseren ganz persönlichen Sehnsüchten und Interessen formen“.

Der Mensch wiederum „ist ein von Gott gewolltes und geliebtes Geschöpf“. Und gleichzeitig greift das Bild, dass er aus Staub geschaffen ist. Er kann verantwortlich handeln, ist aber gleichzeitig „ein Ensemble aus Einstellungen und Möglichkeiten. Auch unser Erleben und Wollen sind unbeständig“, so Nikolaus Schneider. Zur Demut vor Gott gehört für ihn die Einschränkung menschlicher Unabhängigkeit.
Doch sei der Suizid „Ausdruck einer Not- und Grenzsituation“, über den Außenstehende nicht urteilen sollten. Wichtig ist ihm ein bewusstes Wahrnehmen des Sterbeprozesses in Gemeinschaft mit engen Angehörigen – ohne Angst, ihnen oder der Gesellschaft zur Last zu fallen.

„Der Glaube eröffnet uns einen weiteren Lebensbegriff, der über das Leben hinausgeht“, so der ehemalige Präses. Er sieht „die biblischen Visionen vom Reich Gottes“ nicht „als Vertröstung für ein Leben nach dem Tod, sondern als Absicht Gottes schon für unser gegenwärtiges Leben auf dieser Erde“.

Seine Frau ergänzt: „Theoretisch könnte man ja meinen, dass der auferstandene Christus und ein fester Glaube an den Auferstandenen und an unsere eigene Auferstehung diesen Schmerz wegwischt und unsere Trauer ‚ruckzuck‘ in Vorfreude verwandelt.“ Aber: „Das entspricht nicht unseren Erfahrungen.“

Um uns zu trösten, bräuchten wir konkrete Vorstellungen, wie ein Weiterleben nach dem Tod und das Weiterführen abgebrochener Beziehungen aussehen mag. Doch wenn die Bilder allzu anschaulich würden, dann werde uns auch deutlich ihre Unangemessenheit bewusst. Das Neue Testament „glaubt an eine Bewahrung der persönlichen Identität durch den Tod hindurch“, aber wohl in einem anderen Körper als auf Erden. Auch die Jüngerinnen und Jünger haben Jesus nach der Auferstehung nicht mehr erkannt.

Die biblischen Jenseitsbilder sind reichhaltig, aber keineswegs eindeutig. „Das, was uns bei Gott erwartet, ist nicht eine Fortsetzung dessen, was wir hier erleben und erleiden“, so Anne Schneider. Wir bemühen uns zum Ende hin noch möglichst viel zu ordnen, doch dies kann nicht endgültig gelingen. Die Erinnerungskultur tröstet die Überlebenden, nicht die Toten. Sterben geschieht immer zur Unzeit, trotzdem können Gottes Lebenspläne Raum gewinnen.

Diese Ideen tragen gerade jetzt auch durch die Karwoche, doch welche Haltung soll nun Kirche in der Debatte über den assistierten Suizid gewinnen? Die normative Ebene und die Liebe zu seiner Frau, die er auch am Ende begleiten wollte, stehen nebeneinander. Sie sollten sich ergänzen, aber im Zweifel zählt die Liebe, so Nikolaus Schneider.

Und für seine Frau zeigt sich Gottes Plan mit dieser Welt nicht in einem vorherbestimmten Sterbedatum eines Individuums. Er zeigt sich darin, jedem Menschen eine lebenswerte Existenz zu bieten. Was das für einen selbst bedeutet, das sollte jeder selbst entscheiden können.

Es gelte eine gewisse Verbindlichkeit auch nach synodalen Diskussionsprozessen, meint ihr Mann. Doch nicht in jeder Grenzsituation. Damit folgt er konsequent der Ausgangsthese, dass es keine allgemeingültigen Glaubensaussagen geben kann – zumindest nicht ohne die Gefahr zur Unmenschlichkeit – wohl aber viele Glaubenserfahrungen. Also: Ein entschiedenes Sowohl -als-auch. Bedenkenswert, dass es ein ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender so ausspricht.

Anne und Nikolaus Schneider: Vom Leben und Sterben. Neukirchener Verlag 2019. 160 S., 14,99 Euro, ISBN 978-3-7615-6533-9.

                    Susanne Borée