Leid überwinden?

Kinderhilfswerk
Jochen Hackstein betet mit krebskranker Überlebender.Foto: Heine

25 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda hilft das ora-Kinderhilfswerk gegen die Folgen

Witwen bringen Pech“: So schreit es der Volksmund in Ruanda heraus. Und Witwen sollten das Land überfluten. Vor genau 25 Jahren begann am 6. April 1994 der Völkermord in Ruanda. Innerhalb von hundert Tagen wurden bis zu einer Million Tutsi von Angehörigen der Volksgruppe der Hutu ermordet.

Zurück blieben die Frauen: Bis zu 80 Prozent der Witwen wurden vergewaltigt. Bis zu einer halben Million Frauen war geschätzt davon betroffen. Genauere Zahlen gibt es nicht. Denn viele verbergen ihr Schicksal bis heute. Die Hälfte von ihnen soll bewusst mit dem HIV-Virus infiziert worden sein. Viele erwarteten Kinder von ihren Peinigern. So hat es die  „ora Kinderhilfe international e. V.“ dokumentiert. Zum 25. Jahrestag des Grauens bemüht sich das Hilfswerk „die Erinnerung zu bewahren und für die Zukunft daraus zu lernen“.

Im Teufelskreis des Leids

Jochen Hackstein, Vorstand der  Kinderhilfe, erzählt die Geschichte einer Frau, die „ebenfalls schlimmste Vergewaltigungen über sich ergehen lassen musste“. Mehr noch: Inzwischen bekam sie die Diagnose Krebs. Dadurch und wegen der Nebenwirkungen der Medikamente sitzt sie nun im Rollstuhl. „Als ich die Geschichte dieser Frau hörte, war ich den Tränen nahe. Wie kann ein Mensch dies verkraften? Dann bemerkte ich die Leichtigkeit in ihrem Wesen. Ich war so bewegt, dass ich sie spontan fragte, ob ich für sie beten dürfe. Sie bejahte dies. Ich habe zum ersten Mal in dieser Dichtheit erlebt, dass ein Mensch inmitten von Leid Freude leben kann.“

Für europäische Beobachter brach die Gewalt urplötzlich los. Doch sie fiel keinesfalls vom Himmel. Schon in der Kolonialzeit schwelte die Konkurrenz zwischen Hutu und Tutsi. Die Europäer nutzten dies bewusst aus. Sie förderten im heutigen Ruanda vor allem die Tutsi, die eine Minderheit darstellten. Schon seit der Unabhängigkeit kam es immer wieder zu Gewalttaten gegen Tutsi. Vor 1994 entstanden immer abwertendere Bezeichnungen gegenüber den Tutsi, die als „Gewürm“ oder „Kakerlaken“ bezeichnet wurden, die es zu vernichten galt. Verschwörungstheorien verbreiteten sich wie Buschfeuer: Die extreme Hutu-Propaganda warf den Tutsi vor, sie planten ihre Vernichtung. Ein kollektiver Präventivschlag der Hutu sei darum unvermeidlich.

Es machte die Sache nicht besser, dass im benachbarten Burundi die Verhältnisse grob gesagt umgekehrt waren. Der bis heute ungeklärte Abschuss eines Flugzeugs mit  den Präsidenten beider Länder und mehrerer Regierungsmitglieder löste das Massaker aus.

Inzwischen kümmert sich das kleine ostafrikanische Land vorbildlich um die Aufarbeitung der Gräueltaten, wenngleich die politische Struktur eher autoritär ist. Nur die Geschichte der Frauen, die damals vergewaltigt und geschwängert worden sind, versinkt im Dämmerlicht der Geschichte. Vielen von ihnen fällt es schwer, Liebe für ihre Kinder aufzubringen.

Zum Gedenken an den Völkermord soll es einen Bildband mit den Müttern und ihren Kindern geben. Der bekannte Fotograf Olaf Heine, der bereits Sting, U2 oder Nick Cave porträtiert hat, nahm die vergewaltigten Mütter und ihre Kinder im Auftrag des ora-Kinderhilfswerks noch einmal am Tatort auf.

Schuf er damit eine Situation, die zu belastend ist? Heine meint dazu: „Sie möchten gehört werden und ihre Geschichte erzählen. Es hatte bisweilen therapeutische Züge. Mich beindruckt, wie sehr sich die Frauen gegenseitig stützen. Mir imponiert aber vor allem, wie die Mütter es schaffen die schmerzhaften Geschehnisse in positive Energie und Liebe zu wandeln.“

Das „ora-Kinderhilfswerk“ unterstützt seit 2005 die ruandische Organisation „Solace Ministries“ mit durchschnittlich jährlich 96.000 Euro. Jean Gakwandi, ein Überlebender des Völkermords, gründete sie bereits 1995. Er will gerade die Witwen und Waisen unterstützen. Sie sollen Stigmatisierung und Leid in  familienähnlichen Strukturen überwinden. Dazu bekommen sie psychologische oder medizinische Hilfe. 465 ihrer Kinder sind krankenversichert. Ihr Schulbesuch wurde finanziert. Für Kleingruppen gibt es Kühe, die ein Einkommen bringen. Frauen bekommen eine Ausbildung im Nähen. Mikrokredite dienen als Startschuss für kleine Geschäfte.

Olaf Heine hat immer noch das Bild einer Kirche mit Einschusslöchern vor Augen. Tausende Verfolgte hatten sich dort verschanzt – doch die Kirche wurde gestürmt.  Ruanda ist zu 86 Prozent christlich geprägt. Doch die Kirchen konnten damals dem Morden nicht Einhalt gebieten. Manche Geistliche finden sich unter den Tätern, manche unter den Opfern.

Trotz der Spuren, die noch überall sichtbar sind, beeindruckte Heine vor allem „die unvorstellbare Versöhnungsleistung, die Frauen und ihre Töchter bewältigt haben“.
Und die Kinder? „Es erscheint mir aber auch nicht einfach die Tochter eines Mannes zu sein, der nicht nur die Mutter vergewaltigt hat, sondern in vielen Fällen auch den Rest der Familie ermordet hat“, ergänzt Olaf Heine. „Diesen Töchtern gehört mein größter Respekt.“

Olaf Heines Ehefrau Marion unterstützt das Engagement ihres Mannes, obwohl er dafür Wochen fern der Familie in Ruanda verbrachte. Als Agenturchefin kann sie ihre Erfahrungen einbringen, um die weitere Verbreitung dieses Projekts zu organisieren. „Die gleichen Männer haben auch ihre Ehemänner, Kinder und Verwandten ermordet und ihre Familien ausgelöscht. Wie ist es möglich, dass hier Vergebung stattgefunden hat? Wie konnte das gelingen? Diese Offenheit und Stärke dieser Frauen an ihre Zukunft zu glauben und die Vergangenheit, nicht die Zukunft bestimmen zu lassen, ist eine Kraft, die auch uns hier in Deutschland inspirieren kann.“

Vor einem Vierteljahrhundert war die Welt mit sich selbst beschäftigt – sie reagierte zu spät. Für die persönliche Betroffenheit vieler Menschen war Ruanda zu weit weg oder  zu unbekannt. „Ich habe als Jugendlicher meine Großeltern immer gefragt, warum sie in der Zeit des Nationalsozialismus nichts getan und nur weggeschaut haben. Als 1994 der Genozid in Ruanda stattfand, war ich gerade sehr mit meiner Ausbildung und meiner persönlichen Entwicklung beschäftigt und habe selbst weggeschaut. So wie der Rest der Welt“, bekennt Olaf Heine.

Und heute? Für ein Studium benötigt ein junger Mensch in Ruanda knapp hundert Euro monatlich. Lässt sich ihm Zukunft geben? Und: Könnte die Geschichte Ruandas auch ein Beispiel für uns sein, schon bei kleineren Übergriffen überwinden zu lernen? 

Bestellung des Buches mit 170 Seiten zu 60 Euro unter info(at)ora-kinderhilfe.de. Ein Teil des Erlöses kommt der weiteren Ausbildung der Kinder zugute.

                     Susanne Borée