Editorial: Weniger brauchen

Susanne Borée
Susanne Borée

Alles, was Du brauchst, ist we­niger!“ So steht es auf einer gut gefüllten Einkaufstasche. Dahinter ein Zug mit dem Warnhinweis „Nicht einsteigen!“
Zufällig sah ich diese Szene am Hauptbahnhof Bamberg. Sie schien mir gleich symptomatisch zu sein. Zum Glück hatte ich meine Kamera dabei, da ich von einem Termin kam.

Natürlich brauche ich immer weniger als sich in meinem Kleiderschrank, der Kammer oder dem Keller verbirgt. Dann sind da aber die Schnäppchen, die gerade so billig sind und erst in einem Jahr oder später wiederkommen. Auf Trödelmärkte gehe ich daher schon seit Jahren nicht mehr. Aber ansonsten fällt es mir so schwer, auf den Zug des Verzichts aufzuspringen.

Um einen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten, wäre es am besten, einfach kein Fleisch mehr zu essen. Oder nur noch wenig, ergänze ich dann innerlich sofort. Allein dies zeigt, wie schwer es mir fällt, darauf einzusteigen. Ich ruhe mich dann darauf aus, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Doch dies ist für mich kein Verzicht, sondern ein Stück Luxus. Ich habe keinen weiten Weg dorthin. Die frische Luft und die Bewegung hilft mir morgens durchzuatmen. Ohne Fahrrad würde mir etwas fehlen. Da ich mich bewege, ist mir nie kalt – egal, was andere meinen, die damit keine Erfahrung haben.

Es geht darum, gute Alltagsroutinen zu entwickeln, so hörte ich kürzlich. Wo sie in meinem Leben nicht greifen, steige ich niemals in einen anderen Zug. Und häufe weiter Ballast auf. Dabei zählt am Ende nicht Besitz, sondern die Erinnerung an gute Erlebnisse – meist in Gemeinschaft. Stattdessen lasse ich mich von Sorgen zerfressen.

Oder ist der Ballast, das „Könnte-man-mal-gebrauchen“ ein Schutzwall gegen die Unwägbarkeiten des Lebens? Gegen die Angst der Veränderung?

Dabei habe ich niemals wirkliche Bedrohung erlebt – wie etwa die Menschen in Ruanda vor einem Vierteljahrhundert. Damals war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um dies rechtzeitig ernst zu nehmen.

Weniger Sorgen, weniger Angst, weniger Gleichgültigkeit – das brauche ich wohl wirklich. Und mehr Zuhören und Verstehen. Doch auf welchem Gleis befindet sich ein Zug, um darin einsteigen zu können? Finde ich ihn in dieser Passionszeit? Oder geht sie ungenutzt wieder vorbei?

                                 Susanne Borée