''Über dich wache Gott, liebes Vaterland!''

Kirchenchor der Erlösergemeinde heute
Kirchenchor der Erlösergemeinde heute. Foto: privat

Estnische Lutherische Kirche ''stets um Ausgleich und Kooperation bemüht''

''Na, du lebst dich aber gut ein in die Oktoberrevolution'', meinte der Kollege. Er kam gerade, als ich eine Hymne auf "Youtube" angeklickt hatte. "Nein, nichts Revolutionäres. Ganz im Gegenteil. Außerdem ist das estnisch: die Nationalhymne." Keine Revolution und keine Partei ist erwähnt, dafür viel "Vaterland", das erwachsen soll. "Über dich wache Gott, mein liebes Vaterland", heißt es gegen Ende. Und das in einem Land, in dem fast alle an kostenloses und schnelles Internet angebunden sind - auch auf dem Land. In dem Skype entstand und Grundschüler Programmieren lernen. Und mit einer solchen Nationalhymne - wahlweise gesungen vom Männerchor oder vom kleinen Mädchen im Blumenkranz, aber oft mit vielen Fahnen. Dort gehören nur etwa 30 Prozent einer Kirche an.

"Wie viele Esten lutherisch getauft wurden, weiß nur Gott", so Matthias Burghardt. Seit Anfang 2006 ist er Pfarrer der deutschsprachigen Erlösergemeinde der Estnischen Evangelischen Lutherischen Kirche in der Hauptstadt Tallinn und in Tartu. "Aber bei der Volkszählung haben sich knapp 15 Prozent dazu bekannt. Das stimmt auch in etwa mit unseren Gemeindeglieder-Listen überein", so Burghardt weiter, der 1970 im niedersächsischen Wolfenbüttel das Licht der Welt erblickte.

"Tatsächlich sind es sogar ein wenig mehr Orthodoxe, die sich bei der letzten Volkszählung 2011 zu Ihrer Konfession bekannt haben. Auch Leute, die vermutlich nie getauft wurden, aber russischen Hintergrund haben, konnten sich bei der Zählung zur Orthodoxie bekennen." Daneben gibt es kaum religiös gebundene Menschen. Rund 30 Prozent der Einwohner sind noch russisch geprägt.

Es geht jetzt nicht um Erbsenzählerei bei diesen Fragen nach der Konfession. Es geht um Grundsätzliches in diesem zerrissenen Land:  In diesem kleinen Gebiet am äußersten nordwestlichen Rand der ehemaligen Sowjetunion, von Finnland nur durch einen schmalen Meeresarm getrennt, waren die Menschen evangelisch geprägt. Bereits 1523/24 gab es vor Ort die erste evangelische Predigt. Die Deutschordensritter und Hanse-Kaufleute deutscher Herkunft prägten die kulturelle Oberschicht des Landes. Bis 1710 gehörte Estland zu Schweden. Peter den Große verleibte es Russland ein. Nach der Oktoberrevolution war es 1919 bis 1939  unabhängig.

Estland ist flächenmäßig etwas größer als die Niederlande, hat aber mit 1,3 Millionen Einwohnern nur ein knappes Zehntel der holländischen Bevölkerung. Bei Volkszählungen gaben statt der erwarteten 70 Prozent nur zwei Prozent an, ungläubig zu sein. Menschen mit estnischem Hintergrund hätten eher keine Neigung zu "organisierter Religiosität", so Burghardt. Er höre persönlich von Menschen, dass sie getauft seien. Zur Versöhnungsgemeinde gehören Angehörige verschiedener ethnischer und sprachlicher Gruppierungen. Was "uns eint, ist größer, als was uns unterscheidet. Wir fühlen uns als 'bunte' Gemeinde, in der es recht familiär zugeht", so Burghardt.

"Staat und Kirche sind in Estland schon seit der ersten Phase der Unabhängigkeit zwischen den Weltkriegen getrennt", erklärt Burghardt. "Natürlich ist es im öffentlichen Leben spürbar! Wir Christen müssen nicht ständig für die Entscheidungen einer reichen und mächtigen Staats- oder Volkskirche geradestehen. Wir haben die Chance, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren."
Im Hitler-Stalin-Pakt 1939 teilten die beiden Diktatoren nicht nur Polen, sondern alle Gebiete zwischen ihnen auf: Das Baltikum fiel Russland zu. Die Nazis holten noch Deutschbalten "Heim ins Reich". Die Sowjets begannen bereits 1940/41 damit, Esten gen Osten zu deportieren. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion besetzten deutsche Truppen 1941 bis 1944 das Land. Dann besetzte es die Sowjetunion wieder.

Ab etwa 1987 begann die "Singende Revolution". "Verrückt", so dachte ich noch, als ich von der Menschenkette zum 50-jährigen Gedenken des Hitler-Stalin-Paktes zum 23. August 1939 hörte, die die 600 Kilometer zwischen den drei baltischen Hauptstädten verband. Das war gut elf Wochen vor dem Mauerfall. 1991 wurde Estland unabhängig. Zuvor rollten noch mal russische Panzer im Baltikum. Aber in Deutschland war gerade der erste Irakkrieg wichtiger.

Seit 2004 ist Estland Mitglied der NATO und der EU. Beides sei "überwiegend gelungen, mit großem wirtschaftlichem Gewinn", so Matthias Burghardt. Stärkt das auch die Zivilgesellschaft? "Wer sich halb tot arbeitet, um seine Kredite abzubezahlen, hat abends keine Lust mehr auf Vorstandssitzungen in Vereinen. Dagegen ist die Güte und Dichte unserer Chöre der in anderen Ländern bekanntlich weit überlegen."

Bei näherer Beschäftigung mit Estland fällt immer wieder die geradezu euphorische Aufbruchsstimmung ins Auge. Es klingt für unsere Ohren sehr pathetisch - aber moderner als die Nationalhymne, deren Melodie übrigens von 1848 stammt. Die Hymne sang Estland schon ab 1920.

"Parallel dazu verlief die Entwicklung in den Kirchen: Kleine Kirchen, die sich nach Jahrzehnten der Unterdrückung freigekämpft hatten und sich noch glücklich die Augen rieben, bekamen plötzlich Geld und Ausbildungsangebote bezüglich der lutherischen Kirchen vor allem aus Amerika von der Missouri-Synode", eine sehr konservative lutherische Richtung, die etwa die Frauenordination als unbiblisch ablehnt. 2016 sorgte die evangelische Kirche in Estlands größerer Nachbarin Lettland - kulturell und religiös ähnlich geprägt - für Schlagzeilen: Ihre Synode lehnte mit großer Mehrheit die Frauenordination wieder ab.

Matthias Burghardt: "Unsere Kirche bildet da in Osteuropa in mehrfacher Hinsicht eine große Ausnahme: Bei uns wurde 1947 das Theologische Institut der Kirche gegründet, dass die Ausbildungstraditionen der Tartuer Universität fortführte. So war der Bildungsstand estnischer Theologen durch die gesamte sowjetische Zeit sehr hoch und auch über aktuelle theologische Entwicklungen gab es Informationen."

Der Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Urmas Viilma, erklärte nun vor Pfarrerinnen: "Die Ordination von Frauen und Männern ist nicht nur eine Frage der Tradition. Als Kirchenoberhaupt bin ich mir meiner Verantwortung bewusst und habe die Argumente dafür und dagegen gründlich abgewogen. Ich bin zu der Folgerung gekommen, dass auch die Frauenordination biblisch begründet ist." Doch gerad aus den Zeiten der Unterdrückung habe "man als Kirche versucht beim Bewährten zu bleiben, auch deshalb, weil Alternativen kaum möglich waren", so Burghardt

Bewährtes, da wäre dann etwa noch das Beispiel des Pastors und Professors, Traugott Hahn, an den die Homepage der Erlöserkirchengemeinde erinnert. Er verließ auch in der Zeit der bolschewistischen Belagerung 1918/19 Dorpat nicht. An der Seite des orthodoxen Bischofs Platon wurde er kurz vor der Befreiung 1919 erschossen.                      Susanne Borée


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