Unfall und Unbeherrschtheit überwunden

Karl IV.
Karl IV. auf der Burg Karlstein mit Reliquien

Die Prager Nationalgalerie zeigt Karl IV. zu seinem 700. Geburtstag aus einer neuen Sicht  

Monatelang war er ans Krankenlager gefesselt. Lange war ungewiss, ob er nicht vollständig gelähmt sein würde: Im Jahr 1350 wurde Karl IV. nämlich von der Turnierlanze eines Gegners getroffen: Sie brach seinen Unterkiefer, zerschmetterte Halswirbel und beschädigte gar das Rückenmark. Lange Zeit konnte der Mittdreißiger noch nicht einmal mehr seine Arme bewegen.

Karls Ärzte brachten für die damalige Zeit ein wahres Wunder zustande: Sie hängten ihn an den Haaren auf und richteten damit die herrschaftliche Wirbelsäule. Karls Unterkiefer wurde mit Hilfe von Gold- und Silberdrähten zwischen den Zähnen geschient. So haben es die Initiatoren der Prager Ausstellung herausgearbeitet. Die Dauerfolgen dieser Verletzungen zeichneten Karls Äußeres. Sie kann man immer noch an einer Reihe von Kaiserporträts ausmachen. Er starb erst 1378 mit 62 Jahren.

Die erste tschechisch-bayerische Landesausstellung Kaiser Karl IV. 1316-2016 in der Waldstein-Reithalle der Nationalgalerie in Prag zeigt anhand von rund 200 Exponaten Karls Persönlichkeit aus verschiedenen Perspektiven.

Nach diesem Unfall erschien Karl leicht bucklig, der Kopf nach vorne gebeugt, den Mund ein wenig geöffnet, mit Unterbiss. Zunächst verschwieg der Hof den Unfall. Schließlich befand man sich mitten in den Verhandlungen über Karls Kaiserkrönung. Doch Künstler seiner unmittelbaren Umgebung erfassten, allen Tendenzen mittelalterlicher Idealisierung zum Trotz, sein Erscheinungsbild. Karl selbst empfand seine Genesung als Zeichen göttlicher Gnade und seiner Erwählung.

Im Schatten der Prager Burg liegt die Schau, doch fast versteckt in der Waldstein-Reithalle. Im allgemeinen Trubel der Prager Touristenmeile gewinnt sie so weniger Aufmerksamkeit, als ihr angemessen wäre. Selbst die Taxifahrer kennen sie nicht. Nur von der Metro aus ist sie gut zu erreichen. Direkt gegenüber dem Ausgang der Station Majostranska fallen die Banner mit dem Logo "K*700" ins Auge.

Auch der zweite Teil der Ausstellung über das Nachleben Karls liegt mitten in der Altstadt, nur wenige Schritte vom überlaufenden Altstädter Ring entfernt. Dennoch scheinen die kühlen, leeren Säle im Uni-Gebäude des Karolinums Welten von all dem Trubel entfernt zu sein.

"Ziel der Ausstellung ist es, Karl IV. nicht einfach als den 'Größten aller Tschechen' vorzuführen, sondern als eine vielschichtige historische Persönlichkeit mit ihren Licht- und Schattenseiten." So beschreibt Jiří Fajt, der Autor dieser Ausstellung und Generaldirektor der Nationalgalerie in Prag, das Anliegen der Schau.

Einmal wollte Karl einen Edelmann in Prag wegen mehrerer Vergehen hinrichten lassen, so berichten die Ausstellungsmacher. Prager Bürgerinnen versuchten den Herrscher aber zu erweichen. Der war aber extrem empört, dass sie ihn für so bestechlich durch ihre Schönheit hielten. Er wollte die Bürgerinnen beschämend an den Pranger stellen. Doch schließlich wurden sie nur zu zwei Wochen Hausarrest verurteilt. Was aus dem Edelmann wurde, ist nicht überliefert.

Noch eine andere Anekdote um die Persönlichkeit Karls berichtet die Ausstellung: "Karl hatte einen Lehrer, dem er ein Auge ausschlug, weil er ihn gestraft hatte", so berichtet es Tilemann Elhen von Wolfhagen in der Limburger Chronik (1377- um 1400). "Das machte er aber wieder gut, indem er ihn später zum Erzbischof von Prag und zum Kardinal erhob."

Sicher ist seine Persönlichkeit durchaus zweischneidig. Durch sein umfassendes Wissen gelang es Karl, diplomatisch und rational nach der besten politischen Lösung zu suchen. Die Vorteile juristischer Argumentation leuchteten ihm schnell ein. Er nahm sich ausdrücklich die weißen Herrscher Konstantin und Salomon zum Vorbild. Durch Gebet und Predigt wandte er sich direkt ans Volk. Seine Gegner nannten ihn "Karl den Listigen".

Oder "Pfaffenkönig". Schließlich stützte sich Karl anders als sein Vorgänger und Gegner Ludwig der Bayer (wir berichteten zur Landesausstellung 2014 ausführlich über ihn) auf den Papst, um seine Macht durchzusetzen. Er stützte sich auf hohe Kleriker, um das Reich zu verwalten. Und er sammelte Reliquien mit geradezu sprichwörtlichem Eifer. Da bevorzugte er gerade Passionsreliquien. Manche Städte wollten ihm ihre Schätze gar nicht erst zeigen - aus Furcht, dass er sie sich aneignete. Viele Reliquienschätze finden sich nun in der Ausstellung. Darunter gibt es ein Tischtuch-Reliquar vom letzten Abendmahl des Herrn. Sie waren allesamt prunkvoll ausgestaltet und erstrahlten im Gold- und Silberglanz. Gleichzeitig glaubte Karl fest an ihre Wunderkraft.

Im deutschen Kulturraum sah man Karl schon bald nach seinem Tod überaus kritisch als "Erzstiefvater des Reichs". Zu Lasten des deutschen Reichsteils habe er seine Hausmacht in Böhmen ausgebaut. Doch: Auch andere Kaiser stärkten ihre Hausmacht. Besonders im 19. Jahrhundert feierten ihn Tschechen als großes Vorbild. Selbst die Kommunisten folgten dieser Steilvorlage. Eine solche Beurteilung wird nicht den historischen Gegebenheiten gerecht. Karl dachte sicher noch nicht in solchen nationalen Einschränkungen.

Er schwankte zwischen Jähzorn und politischem Kalkül, vormoderner Macht-Präsentation und fast magischem Glauben an göttliche Gnade und Reliquienschätze. Doch sollte er trotz aller Unzulänglichkeiten noch einmal einer der größten Herrscher des späten Mittelalters werden, bevor das Reich immer mehr zerfiel. Nur wenige Jahrzehnte später übernahmen die Habsburger die Macht. Das deutsche Reich wurde also nicht nur unter Karl vom Rande aus regiert. Nach den Hussitenkriegen und spätestens nach der Reformation zerfiel jegliche innere Einheit endgültig.   

Information: Der Hauptteil der Ausstellung Kaiser Karl IV. bis 25. September in der Nationalgalerie in Prag - Waldstein-Reithalle, geöffnet täglich von 10 bis 19 Uhr, im September ab 9 Uhr. "Das zweite Leben Karls IV." bis 31. August im Prager Karolinum. Vom 20. Oktober bis 5. März 2017: Ausstellung über Karl IV. im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

                                       Susanne Borée


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