Zurück in die Zukunft

Buchukuri
Professor Merab Buchukuri am orthodoxen Priesterseminar von Tiflis Foto: Borée

Georgische Kultur und Ikonenmalerei zwischen Traditionen und Aufbruch

Den Meistern der Vergangenheit möglichst genau auf die Spur zu kommen - dafür engagiert sich Machos Papaskizl seit zwei Jahrzehnten. Dafür ging der georgische Künstler penibel bis ins Mittelalter zurück. Wichtig ist ihm traditionelle Ummantelung der abgebildeten Heiligen aus fein getriebenem Gold oder Silber. Eine Spurensuche mit dem Reiseunternehmen "Anz von Schanz" führt in das kleine Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer.

Ursprünglich studierte Machos Papaskizl ganz weltlich bildende Kunst und Metallverarbeitung. Nach der Unabhängigkeit 1991 und der Überwindung der ersten Krisen gab es bald einen großen Bedarf an neuen Ikonen oder der Restaurierung alter Werke. Patriarch Illia II., seit 1977 im Amt, begründete um 1995 die Ikonenschule am Priesterseminar in der Hauptstadt Tiflis. Machos Papaskizl und der Dozent Merab Buchukuri knüpfen gerade an mittelalterlichen Traditionen an. Ausdrucksstarke Gesten überlanger Finger sind für die große Zeit georgischer Kultur im 12. und 13. Jahrhundert typisch, wie Buchukuri erklärt.

"Meine Heimat ist meine Ikone." So lauten übersetzt die ersten Worte der neuen georgischen Nationalhymne. Bereits im Jahr 337 führte ein Kleinkönig im heutigen Zentral-Georgien das Christentum ein. Bald darauf galt das oströmische Glaubensbekenntnis auch in den südwestlichen Regionen am Schwarzen Meer. Denn das heutige Georgien zerfiel immer wieder in mehrere Fürstentümer. Daher ist bis heute ungeklärt, welche Provinzen dazu gehören -  heute wieder eine schwere Last für das Land. In seinen aktuellen Grenzen ist es ähnlich groß wie Bayern, hat aber mit vier Millionen Einwohnern nur ein Drittel der Bevölkerung des Freistaats.

337 - das war entscheidende zwölf Jahre nach dem Konzil von Nicäa, das die Entscheidung von Chalcedon vorbereitete: Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Die Kirche Armeniens in unmittelbarer Nachbarschaft Georgiens gründete sich bereits vor 325. Sie trug die Lehre von den zwei Naturen Christi nicht mit. In Russland breitete sich das Christentum erst im 9. Jahrhundert aus.Schon seit der Antike gibt es enge Beziehungen zur griechischen Kultur über das Schwarze Meer.

Die Legende vom Goldenen Vlies etwa soll in Georgien verortet sein. Der Landesname leitet sich vom griechischen Georgos, Bauer, ab. Natürlich wird auch der Heilige Georg quasi als Nationalheiliger verehrt. Sein Kampf gegen den Drachen erscheint fast symbolhaft für die Auseinandersetzung der Georgier mit fremden Erobern. Im 12. und 13. Jahrhundert einten starke Könige das heutige Georgien. Die Kultur blühte auf. Die Ikone vergegenwärtigt in der Orthodoxie Christus oder die dargestellten Heiligen. Sie sind quasi im Bild anwesend. Ende des 13. Jahrhunderts ließen sich 100.000 Georgier lieber hinrichten als eine Marien-Ikone zu bespucken und mit Füßen zu treten - so die Mär.

Das Land jedenfalls trotzt christlich der Herrschaft der Mongolen und später der Türken. Ende des 18. Jahrhunderts stellten sich die Georgier unter russischen Schutz. Bald geriet auch die georgische orthodoxe Kirche unter die Oberhoheit der russisch-orthodoxen Kirche - obwohl sie eher griechisch geprägt ist. Seit 1991 ist Georgien unabhängig - und von Auseinandersetzungen gebeutelt. Zuletzt eröffneten georgische Streitkräfte im August 2008 das Feuer gegen russische Grenzsiedlungen. "Das kleine Georgien soll das große Russland angegriffen haben?", so die Reiseführerin. Nach internationalen Studien standen da 12.000 georgische Soldaten rund tausend russischen gegenüber. Dennoch: Die georgischen Streitkräfte gerieten schon bald in die Defensive. Phrasen helfen nicht überall weiter.

Georgien ist unterwegs nach Europa. Es hat bereits 2013 ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet. Überall weht die Europafahne. Praktisch alle Ortsnamen erscheinen mit lateinischen neben den georgischen Buchstaben. Das macht es für Reisende angenehmer. Euros sind allzu beliebt. Doch täuscht es nicht über die Zerrissenheit des Landes hinweg.

Die georgische orthodoxe Kirche ist Staatsreligion. Geistliche werden fast unterwürfig begrüßt. Am Unabhängigkeitstag tritt der Patriarch mit der Regierung auf. Europäische Tradition? "Meine Heimat ist meine Ikone und die ganze Welt ist ihr Ikonenschrein." So geht die georgische Nationalhymne weiter. Auch wenn nur etwa vier der fünf Millionen Georgier im Land selbst leben, fragt man sich da: Wohin weist dieser Fingerzeig?

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                            Susanne Borée

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