"Gott dienen" als Lebensziel

Klosterkirche in Ardenica
Theologiestudierende in der Hochschule desselben Klosters, links Urania. Foto: Borée

Zwischen Theologica und Diaconia: Vom Engagment der orthodoxen Kirche in Albanien

"Theologica" will sie werden. So die junge Urania in der Bibliothek der theologischen Hochschule der orthodoxen Kirche Albaniens. Sie befindet sich in einem neuen Gebäudekomplex beim Kloster Shën Vlash nahe Durrës. Die Stadt wiederum liegt etwa 40 Kilometer westlich der Hauptstadt Tirana an der Mittelmeerküste.

Ja, aber die griechisch-orthodoxe Kirche wird sie doch wohl niemals ordinieren. Denn Frauen dürfen dem Altar nicht zu nahe kommen und höchstens als Katechetinnen arbeiten. Und was ist nun mit Urania? Sieht sie für sich eine Zukunft als Gemeindeschwester oder Nonne? Mit beiden Händen wehrt sie ab: Nein, nein, Schwester will sie nicht werden. "Gott dienen", schiebt sie nach.

"Na ist doch klar", raunt es beim Herausgehen, "sie wird einen Priester heiraten." Denn nur Bischöfe und Mönche sind in der orthodoxen Kirche zum Zölibat verpflichtet. Priester und Diakone dürfen verheiratet sein. Allerdings muss die Heirat vor der Weihe zum Diakon erfolgt sein. Und wenn Urania ihren Priester heiratet, bekommt deren Gemeinde gleich zwei Theologen.

Gleich nach der Wiedererweckung der griechisch-orthodoxen Kirche in Albanien entstand 1992 die theologische Hochschule für den dringend benötigten Priesternachwuchs. Sie steht auch Frauen offen. Zwischen 1996 bis 2001 gab es 120 Priesterweihen. Fünf albanische Klöster lebten wieder auf. Die Kirche betreibt neben mehreren Zeitungen auch eine Radiostation.

Die orthodoxe Kirche in Albanien ist genauso bei zahlreichen karitativen Aktivitäten vor Ort engagiert. Das kirchliche Hilfswerk "Diaconia Agapes". Die evangelischen Kirchen Deutschlands unterstützen diese Arbeit finanziell. Das Hilfswerk betreibt Krankenhäuser, Schulen sowie Kindergärten. Es hilft Armen und Obdachlosen. Angehörige aller Religionen in Albanien oder auch Religionslose können da Unterstützung finden. Auch sollen sich Moslems und Christen in Albanien gemeinschaftlich die Gräber auf denselben Friedhöfen teilen.

1997 bot die orthodoxe Kirche 25.000 Menschen Unterstützung bei einer Finanzkrise und Unruhen. Damals gingen im Land mehrere Geldanlagefonds bankrott­. Die Proteste erfassten bald das ganze Land - und wurden immer blutiger. Anfang März 1997 verhängte die Regierung den Ausnahmezustand. Erst eine UNO-Schutztruppe im April konnte die Ruhe wieder herstellen.

Zwei Jahre später kümmerte sie sich um über 50.000 der mindestens 300.000 Flüchtlinge aus dem Kosovo, die in Albanien Schutz suchten. Ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Albaniens kam in dem kleinen Land hinzu. Dabei schloss die orthodoxe Kirche eigens zeitweise das Priesterseminar. Denn die Studierenden sollten dabei mithelfen können.

Ursprünglich entstammen Kosovo-Albaner und Menschen aus Albanien ähnlichen Volksgruppen. Zumindestens seit 1912 - also seit der Unabhängigkeit Albaniens - verlief ihre Entwicklung unterschiedlich. Der Kosovo kam zu dieser Zeit an Serbien, später an Jugoslawien. Nach 1944 waren die Albaner im Mutterland durch die kommunistische Isolation von allen Entwicklungen um sie herum abgeschnitten.
Jedoch standen die Kommunisten unter dem Diktator Hoxha nicht so sehr auf traditionelle Lebensformen - und zerschlugen sie effizienter als Tito in Jugoslawien. Allerdings gingen gerade auch Kosovo-Albaner als jugoslawische Arbeitsemigranten nach Westeuropa. Bis zu den Vertreibungen beim Kosovo-Krieg 1999 hatte es über Jahrzehnte hinweg nur wenige Kontakte zwischen Menschen aus beiden Ländern gegeben.

Schließlich hatten sie schon länger Zeit gehabt, sich gegenseitig auseinander zu entwickeln als die Einwohner Ost- und Westdeutschlands während des Kalten Krieges. Es gab kein "Westfernsehen", das die Einwohner aller Regionen schauen konnten - so dass eine gewisse übergreifende sprachliche und kulturelle Identität gegeben war. 

Auch direkt vor Ort im Kloster Shën Vlash zeigen die Angehörigen der orthodoxen Kirche soziales Engagement. Dort besteht ein Waisenhaus für knapp 20 Kinder bis zum Alter von 15 Jahren, die aus verschiedenen albanischen Städten stammen.  Sie bekommen wöchentliche psychologische Betreuung. Gleichzeitig kümmert sich ein Sozialarbeiter täglich um sie. Trotz mehrfacher Nachfragen blieben aber leider weitere ­Informationen über das Schicksal und die Herkunft der Kinder vage.Die orthodoxe Kirche gehört als einzige christliche Gemeinschaft Albaniens dem Ökumenischen Rat der Kirchen an. Auf Landesebene gibt es gerade zu den Festtagen regelmäßige Kontakte zu den katholischen ­Bischöfen. Im Alltag der Ortsgemeinden spielen sie kaum eine Rolle - die Kirchen sind noch dabei, ihre Identität zu finden.    

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                             Susanne Borée


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