Aus "jenem fernen, blut'gen Türkenland"

Grabstein
Grabmal für die früh verstorbenen Kinder des Pfarrers Gerhard von Zezschwitz. Foto: Brändlein

Spurensuche I: Der Burgbernheimer Pfarrer von Zezschwitz hatte armenische Pflegekinder

Er wollte weder Predigt noch Rede an seinem Grabe. Das muss damals durchaus Wellen geschlagen haben- zumal bei einem langjährigen Dorfpfarrer. Und es war gleich mal in den Kirchenbüchern vermerkt - "auf dass niemand seinen Nachfolger der Faulheit bezichtigen konnte", meint augenzwinkernd der heutige Ortspfarrer Wolfgang Brändlein. 30 Jahre lang, von 1900 bis 1930, wirkte Gerhard von Zezschwitz in dem Ort Burgbernheim, zwischen Rothenburg und Bad Winds­heim.

Gleichzeitig hatte sich der Seelsorger Martin Paul Friedrich Gerhard von Zezschwitz (1859-1942), so sein vollständiger Name, einen weiten Blick bewahrt. Der 40-jährige neue Seelsorger brachte wohl schon im Jahr 1900 zwei Mädchen mit, die noch unaussprechlichere Namen trugen als er selbst: Virginia hieß die 16-Jährige. Und auf den Namen Arusiag Hairabedian hörte die 13-Jährige. Sie erblickte in Konstantinopel das Licht der Welt. Der neue Ortspfarrer hatte also zwei Pflegekinder, die wahrscheinlich schon bei den Pogromen an den Armeniern Ende des 19. Jahrhunderts zu Waisen geworden waren.

Denn allein von ihrem Alter her ergibt es keinen Sinn, wenn sie erst bei dem Völkermord von 1915 als Pflegekinder nach Franken gekommen wären.
Gerhard von Zezschwitz kannte wohl aus Studientagen Johannes Lepsius. Der Pfarrer und Forscher engagierte sich in Kleinasien über Jahrzehnte hinweg für die Armenier. Beide standen in engem Briefkontakt. Immer wieder prangerte Lepsius in deutschen Medien und Vorträgen das Elend der Armenier an. Er hatte gute Verbindungen nach Mittelfranken.

Über einen seiner Vorträge in Nürnberg berichtete unser Evangelisches Sonntagsblattes am 20. Dezember 1896: Lepsius schilderte "besonders an den Vorgängen in Urfa die beispiellose Grausamkeit der Türken. Welches Mitgefühl der Vortragende bei dem zahlreichen Publikum erweckt hatte, das zeigt sich an den vielen stattlichen Gaben, welche demselben zugestellt wurden. Die Polizei ließ den Vortrag auffallenderweise durch einen Aktuar in Uniform beobachten".

Die Burgbernheimer hörten nicht nur durch ihren neuen Pfarrer von Armenien. Bereits Ende 1896 schrieb ein(e) "U. E." ein "Gebet für die Armenier". Es geht zu Herzen. Das Sonntagsblatt veröffentlichte es umgehend.

Auch 1915 beobachtete Johannes Lepsius genau die Pogrome. Auf einer Petition an den Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg im Oktober 1915, den Armeniern zu Hilfe zu kommen, unterschrieben auch Gerhard von Zezschwitz und sein Bruder Willi, ein Rechtsanwalt. 1920 veröffentlichte Gerhard von Zezschwitz Werke zum "Schicksal des armenischen Volkes im Weltkrieg".

Ein Sohn von Gerhard und Luise von Zezschwitz ist bereits bei seiner Geburt am 31. Januar 1909 verstorben. Offenbar hat er gar keinen Namen bekommen. Außerdem gibt der Grabstein wieder, dass ein weiterer Sohn Gerhard mit vier Jahren und drei Monaten am 10. Februar 1916 gestorben ist (Bild links). Arusiag Hairabedian verstarb bereits am 11. Januar 1929 im Alter von 42 Jahren als Hebammenschwester. "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden" (Johannes 16, 33). Dieser Trostspruch wurde ihr ins Grab mitgegeben, wie Wolfgang Brändlein herausfand. Noch heute erinnert sich eine betagte Dorfbewohnerin daran, dass er im Religionsunterricht nicht heftig zuschlug.

Gerhard von Zezschwitz entstammte einer sächsischen Adelsfamilie, die sogar hohe Militärs hervorbrachte. Ein Oberst von Zezschwitz taucht um 1815 am Ende der Napoleonischen Kriege auf. Gerhards Vater Carl Adolf Gerhard von Zezschwitz (1825-1886) war Theologe. Nach 1861 lebte er zeitweilig in Neuendettelsau und hielt Vorträge im Auftrag der Inneren Mission. Eine seiner Töchter und Schwester des Burgbernheimer Pfarrers Gerhard von Zezschwitz ging als Diakonisse dorthin. Nach 1866 war Carl von Zezschwitz Professor in Erlangen.

Mitte der 1930er Jahre trat Gerhard von Zezschwitz noch einmal aus der Dämmerung des Schweigens hervor. Als Ruhestandspfarrer und Vorstand im "Verein Evangelische Kinderbewahranstalt" verhinderte er die Übergabe an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt. Pünktlich 1933 hatte von Zezschwitz das Schweigen an seinem Grab verfügt. Er und seine Frau Luise sind ebenfalls am Grab ihrer kleinen Söhne beerdigt. Die Inschriften zu den Eltern erscheinen aber weitgehend - und fast mit tieferem Sinn - unleserlich.

                           Susanne Borée


=> Das "Gebet für die Armenier" aus Burgbernheim

Auswahl weiterer Artikel in der Sonntagsblatt-Ausgabe vom 22.12.2019:

- Das „Eigentliche“ an Weihnachten: Lichterflut und Lieder in süßlicher Form zeigen auch Sehnsüchte zum Fest

- Bischöfe Bedford-Strohm und Marx gedenken der Opfer der Flucht über das Mittelmeer

- Mehr Frauen und jünger: Vorläufiges Ergebnis zur Wahl der Landessynode

=> Hier können Sie die vollständige Print-Ausgabe abbonieren

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet