Editorial: Armenien - auf Spurensuche mit dem Evangelischen Sonntagsblatt

Susanne Borée
Susanne Borée

"Wirklich wir?" So meine Reaktion, als ich mich vergangenen Monat zu Gesprächen mit der armenischen Gemeinde in Nürnberg traf. Da hatte ich bereits eifrig in unserem alten Jahrgang 1915 gesucht. Waren die Massaker an den Armeniern vor genau hundert Jahren an unserem Evangelischen Sonntagsblatt vorbeigegangen?

Also habe ich mich durch das Internet geklickt. Schließlich kann man solch einen Gedenktag nicht sang- und klanglos verstreichen lassen. Auch nicht, wenn die Gedenktage uns gerade schier zu überschwemmen drohen. Wirklich, in Mittelfranken gibt es Armenier. Sie treffen sich einmal im Monat zum Gottesdienst in Nürnberg. Na also: Schöner regionaler Bezug mit etwas Folklore. 

So dachte ich. Dann saß ich in Nürnberg im Gespräch mit armenischen Gemeindemitgliedern. Und erfuhr so viele spannende Bezüge, welche hohen Wellen die Gewalt an den Armeniern auch in Franken geschlagen hatten. Und in unserem Evangelischen Sonntagsblatt. Nur 19 Jahre früher als gedacht. Die Pogrome begannen schon ab 1896. Der Professor und Diakon Hacik Rafi Gazer nannte mir einen Namen und Bezug nach dem anderen. 

Also stieg ich trotz schönster Frühlingssonne wieder in unser Kellerarchiv. Nicht nur politische Wochenberichte aus weiter Ferne gaben ein Echo der Pogrome an den Armeniern. Nein Tausende von damaligen Lesern müssen für Armenien gespendet haben. Nicht selten verzichteten sie dabei auf den Zucker für den Kaffee.

Ja, und dann fand sich noch Anfang des Jahres 1897 ein anrührendes Gedicht eines damaligen Burgbernheimers über die Not der Armenier. Halt! "U. E." als Initialen für Pfarrer Gerhard von Zezschwitz? Das wird schwierig. Zumal er auch erst drei Jahre später überhaupt nach Burgbernheim kam. Und seine armenischen Pflegekinder waren 1915 schon gut 30 Jahre? Aber 1896 entsprechend jünger. Der heutige Pfarrer Wolfgang Brändlein fand immer mehr Details über Gerhard von Zezschwitz in den Kirchenbüchern. Allmählich entstanden deutlichere Konturen.

Die Leser des Rothenburger Evangelischen Sonntagsblattes ließen sich vor 118 Jahren vom Schicksal der Armenier anrühren. Sind wir nach allen Schrecken und allen Lügen seitdem abgeklärter? Bitte nicht, wünscht Ihre

                        Susanne Borée

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